Und doch nicht ganz wie im Tessin

Dank unserer vielen Finnland-Aufenthalte ist dieses Land, wie die Centovalli, zu einem Teil meiner inneren Heimat geworden – gerade auch, weil in Finnland manches eben doch nicht wie im Tessin ist: die Weite der Landschaft, die Tiefe der Wälder, all die See-Spiegel, die unzähligen Insel, der grosse finnische Himmel, der den Gefühlen und Gedanken so viel Platz lässt, die rotbraunen Häuser mit den weissen Tür- und Fensterrahmen, die Süsse der Traubenkirschenblüten und die herben Düfte der Sümpfe, das weiche Licht, der Küstenwind im Sanddorngebüsch, die Sommernächte, die Tag bleiben, die langen Winternächte, die Eisdecke mit den eingefrorenen Seerosenblättern, die Granitblöcke mit Schneekappen, die sich in den Strahlen der Mittagssonne, die knapp über die Kiefernwipfel steigt, rosa färben und blaue Schatten werfen, mein eigener Riesenschatten, wenn ich mit dem Tretschlitten über die zugefrorene Bucht glitt.

Manuel, Vassor November 1980
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Die Fotos stammen aus Mariannes Vassor-Album von 1980/81.

Fast wie im Tessin

Zum ersten Mal reiste ich 1972, achtundzwanzigjährig, mit Frau, fünfjährigem Töchterchen und dreijährigem Söhnchen nach Finnland, auf eine Einladung von Freunden hin – sie Schweizerin, er Finne -, die aus der Schweiz nach Helsinki gezogen waren. Für Marianne ging mit dieser Reise in den Norden ein alter Traum in Erfüllung; ich war neugierig, mehr nicht.

Ehrlicherweise muss ich hier einen Traum erwähnen, den ich als etwa Zwölfjähriger geträumt hatte: eine herbstbunte Landschaft, von der ich damals aus unerfindlichen Gründen wusste, dass sie im hohen Norden lag, ein märchenhaftes Laubfeuerwerk, für das ich heute das finnische Wort „ruska“ habe. Aber daraus eine irgendwie angeborene Finnland-Anfälligkeit abzuleiten, schiene mir zu kühn.

Tatsache ist, dass ich 1972 schon beim Verlassen des Flugzeugs in Helsinki von Finnland, genauer: vom finnischen Sommer, überrumpelt wurde. Wir waren in Zürich bei kühlem Wetter ins Flugzeug gestiegen, in Helsinki kamen wir schon beim Aussteigen ins Schwitzen. Finnland hatte in einem Sommer wie demjenigen von 1972 mit mir ein leichtes Spiel. So viel Sonne, so viel Wasser, abgeschliffene Granitfelsen und Quarzsand – meine Familie und meine Freunde kennen meinen Ausruf, wenn es mir an einem für mich neuen Ort wirklich gut gefällt: „Fast wie im Tessin“, schwärme ich dann.

Mit jedem weiteren Aufenthalt wurde es für mich in Finnland immer mehr „fast wie im Tessin“, wie in den Centovalli, wo auf saurem Boden zwischen Granitblöcken Heidel- und Preiselbeeren reifen, Pilze wachsen und Birken uns von der Talstrasse abschirmen.

Wie im Tessin wuchs in Finnland unser Freundeskreis und vertieften sich die alten Freundschaften.

Das Foto stammt aus Mariannes Album und wurde in Vassor im Sommer 1980 aufgenommen.

Mit San Carlo nach Finnland

Als ich 1980/81 von Eidgenossenschaft und Kanton Bern ein Schriftsteller-Werkjahr zugesprochen bekam, um an einem Buch zu arbeiten, das in den Centovalli spielt, fassten wir – meine Frau, unsere beiden Kinder und ich – den Entschluss, für ein Jahr nach Finnland zu ziehen, um die finnische Natur im Wechsel der Jahreszeiten zu erleben. Für ein halbes Jahr würde uns eine befreundete Familie begleiten.

Auf ein Inserat im „Vasabladet“ hin konnten wir uns im ehemaligen Volksschulhaus von Vassor bei Vaasa einmieten (Bild oben). Wir hatten bewusst eine Unterkunft im schwedischsprachigen Gebiet gesucht: Mit dem Schwedischen würden wir bald einmal einigermassen zurechtkommen, ans Finnische wagten wir uns nicht.

Wir unterrichteten die Kinder selbst, teilten uns in die Haushaltsarbeiten, ich schrieb an meinem Buch, und vor allem: Wir erlebten Finnland so intensiv, wie wir es erhofft hatten. Und wenn ich am Schreibtisch, den ich mir aus einem alten Küchenmöbel zuammengebastelt hatte, auch immer wieder in die Centovalli zurückkehrte, zum Kardinal Erzbischof Carlo Borromeo, zum Anarchisten Michail Bakunin und zum Dichter Stefan George, die ich im Tessiner Tal Rückschau auf ihr Leben halten liess, so schrieb ich in ein besonderes Heft doch auch Finnland-Gedichte – sie wurden 1982 unter dem Titel „Finnlandisiert“ veröffentlicht – und machte erste Notizen für meinen Finnland-Roman „Elchspur“, der 1986 erschien. Die Eindrücke und Materialien für mein Jugendbuch „Die sanfte Piratin“ (erschienen 1994) sammelte ich während späteren Finnland-Aufenthalten.

Wie es dazukam, dass wir als Wohnort für mein Werkjahr ein Dorf in Finnland wählten, erzähle ich in meinem nächsten Beitrag.

K.H. am Schreiben, Vassor 1980
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Die beigefügten Fotos stammen aus dem Album von Marianne.

Buchhandel in Borgnone

1970 fuhr und wanderte ich in die Centovalli-Dörfer, um Fotos für mein Buch „Die Centovalli“ zu machen.

In Borgnone beobachtete der junge Pfarrer, eine grün-weiss-rote Giro d’Italia-Schildmütze auf dem Kopf, wie Arbeiter das Steindach des Pfarrhauses abdeckten. Auf einer aus dicken Brettern gezimmerten Rutschbahn liessen sie die Granitplatten in den Pfarrhausgarten sausen. Mit den Platten schickten sie auch alte Bücher vom Dachboden hinunter. Zerdrückt und zerfetzt kam so nach und nach eine ganze pfarrherrliche Bibliothek unten an.

Ich stellte mich dem Pfarrer vor, erklärte ihm mein Buchprojekt und wies auf die schwer beschädigten Bücher hin. „Altes Zeug“, sagte er. „Feucht und absolut wertlos. Es hat keinen Sinn, dass ich die trockne und weiter aufbewahre.“

Auf den nächsten Platten reitend kam ein Buch in erstaunlich gutem Zustand bei uns an. „Darf ich es anschauen?“ „Aber sicher.“ Ich schlug es auf: La vita di San Carlo Borromeo. Der Pfarrer warf ebenfalls einen Blick hinein: „Total veraltet. Über San Carlo gibt es heute viel bessere Bücher.“ „Kann ich es Ihnen abkaufen?“ „Ich schenke es Ihnen. Aber wenn Sie der Kirche eine kleine Spende machen wollen?“ Ich drückte ihm zwanzig Franken in die Hand. Wir waren beide sehr zufrieden mit dem Handel.

Zehn Jahre später begleitete mich das Buch nach Finnland…

Spur von Vancouver nach Borgnone

Seit dem 26. Januar 2018 führt eine Spur von Vancouver in die Centovalli, genauer: von der „Rare Books Collection“ der Universität von British Columbia nach Borgnone.

Marianne und ich brachten eine Manuskriptkopie von „Meine mitgebrachte Kindheit“ mit Text- und Fotodokumentation in mein persönliches Archiv, dazu drei seltene Bücher, die im Zusammenhang mit von mir verfassten Texten stehen. Eines davon ist „La vita di San Carlo Borromeo“, 1610 in Rom gedruckt, im Jahr der Heiligsprechung des Kardinalerzbischofs von Mailand. In den Centovalli wird San Carlo in mehreren Kirchen und Wegkapellen verehrt.
Das Buch war die wichtigste historische Quelle für die fiktiven San Carlo-Kapitel in meinem Buch „Das Centovalli Brautgeschenk“. Wie ich vor fast fünfzig Jahren in Borgnone in den Besitz dieses Buches kam, berichte ich in einem nächsten Blog-Beitrag.

Das Foto zeigt das „Irving K. Barber Learning Centre“, in dem sich die „Rare Books and Special Collections“ und ein damit verbundener Lesesaal befinden.

Kaki-Lampions

Wenn ich an grauen Wintertagen ins kahle Geäst unserer Fruchtbäume blicke, steigen Erinnerungen an die orangen Kaki-Lampions auf, die im November in den Centovalli an den blattlosen Ästen leuchten. Bei unserem Besuch im vergangenen November nahm Marianne diesen Baum in Intragna auf.
Ich nehme mein Buch „Das Centovalli Brautgeschenk“ aus dem Gestell und suche das passende Zitat:

In der Centovallibahn setzt sich mir ein junger Mann mit Stirnglatze und schmalem Schnurrbart gegenüber. Wir kommen ins Gespräch. Er studiert in Genf an der Diplomatenschule und ist wieder einmal bei seiner Grosstante in Golino zu Besuch gewesen. Die dreiundachzigjährige Frau spinne sich immer mehr in ihre Fantasiewelt ein. Steif und fest habe sie behauptet, die Kakifrüchte am Baum vor ihrem Haus hätten eine Nacht lang geleuchtet wie kleine orange Lampions. Sie habe kaum schlafen können und sei immer wieder ans Fenster getreten. Gegen Morgen seien die strahlenden Kugeln erloschen und allesamt vom Baum gefallen. Er frage sich, wie lange die gute Frau so noch allein haushalten könne. Jedenfalls müsse er ihre Verwirrung unbedingt im Familienrat zur Sprache bringen.

„Für Ihre Grosstante ist es sicher ein traumhaft schönes Erlebnis gewesen!“
„Ich habe ihr auch gesagt, dass sie das nur geträumt habe. Da ist sie aber richtig zornig geworden und hat mich angefahren, sie werde wohl noch zwischen Wachsein und Schlaf unterscheiden können.“

Okanagan Nordwind


Der starke Nordwind blies mir gestern Abend den dicht fallenden Schnee horizontal ins Gesicht. So verschob ich den Einsatz meiner Schneeschleuder auf heute Morgen.

Nach einem kraftspendend starken Espresso aus dem italienischen „Maschinchen“, das mir mein Bruder im vergangenen November in Bern schenkte, halfen Marianne und ich einer Freundin, Futter für ihre Tiere (mehrere Angora-Ziegen und ein Lama) durch den Schnee zu ihrem Haus zu transportieren.

Am Nachmittag schrieb ich weiter an meinem Jugendtheaterstück (Anfang von Akt 1, da liegt noch viel Arbeit vor mir…). Zum Abendessen sind wir bei Schwägerin und Schwager in ihrem Haus mitten im tief verschneiten Biorebberg eingeladen.

Und wieder Schnee

Wir werden wieder eingeschneit, wahrscheinlich muss ich gegen Abend die Schneeschleuder einsetzen. Vorher wende ich mich der Arbeit an meinem neuen Jugendtheaterstück „John und Leonie“ zu…

Unsere Nadelbäume

Es handelt sich um Ponderosa-Kiefern, die als einzige grosse Baumsorte dank ihrer dicken Borke als Isolationsschicht und den mit einer Art Wachs versiegelten Nadeln Trockenheit, Hitze und Kälte des Halbwüstenklimas überleben können. Unser Haus befindet sich über dem Talboden auf ca. 450 m ü. M. Im Westen sehen wir zu einem Hügelzug und den grossen Rebberg auf dem Reservat der „Osoyoos Indian Band“ hinüber.

Unsere Tierwelt

Mäuse haben wir viele, dazu „Packrats“, die wie grosse Siebenschläfer aussehen und, wie die Elstern, alles Glänzende in ihre Nester sammeln. Unsere Zäune halten die Hirsche ab. Nicht abhalten lassen sich die Bären. Die Pumas sind nicht an vegetarischer Kost interessiert. Problemlos durchs Drahtgitter kommen die Klapperschlangen und die Kolibris. Die erste Klapperschlange in diesem Jahr fing ich vor dem Atelier am 26. Juni. Die zweite lag drei Tage später neben unserer Zufahrt unter einem Haufen von geschnittenen Antilopenbusch-Ästen, die ich eben zum Abtransport ergriffen hatte. Ich fange die Schlangen jeweils mit meinem Bambus-Obstpflücker und bringe sie ins benachbarte Naturschutzgebiet, wo sie für eine Weile bleiben…