Milchkraut

Das um 1950 aufgenommene Foto zeigt meine Grosseltern Marie und Jakob am Eingang zu ihrem Centovalli-Garten.


In meiner Fantasie verwandelte sich ihr Garten manchmal in ein Stücklein Paradies, in das sich ab und zu auch eine Schlange verirrte. Einmal war es eine Zornnatter mit roten Augen. Mehr als die hellgrünen Klaräpfel kamen mir die orangen Kaki wie die verbotenen Früchte am Baum der Erkenntnis vor. Ich wunderte mich nicht, als ich später las, dass sie in Japan „Paradiespflaumen“ hiessen. Zwischen den Kakibaum und das Himbeerenbeet im unteren Teil des Gartens pflanzte Grossmutter fremdländische Essigbäume und eine faszinierende Pflanze, deren betäubend süss duftenden Blumenkugeln sich in papageiförmige Samenkapseln verwandelten. Verletzte man einen der hohen Stengel, quoll klebriger, milchweisser Saft heraus. Ich konnte damals nicht ahnen, dass die Essigbäume und „Papageienblumen“ im Okanagan Valley wild um unser Haus herum wachsen würden und hier „Sumac“ und „Milkweed“ heissen. Für die Raupen des grossen orange leuchtenden „Monarch Butterfly“, der in Mexiko überwintert und uns manchmal im Sommer bersucht, sind die Milkweed-Blätter die einzige Nahrung. Der prächtige Schmetterling hätte wunderbar in unser Centovalli-Paradiesgärtchen gepasst.
Das Milkweed blüht seit dieser Woche wieder vor unserem Haus. Leider ist der Monarch ein seltener Gast geworden. Im Augenblick geniessen „Schwalbenschwänze“ den Nektar der Blüten.

Gartenoase, Fortsetzung

Ich pflanze hinter dem Atelier Zinnien und Sonnenblumen. Marianne kommt zu mir. Eben habe unsere Schwägerin angerufen: Ein grosser Bär sei auf dem Weg von ihrem Rebberg zu uns hinüber. Marianne findet, ich solle bei der Arbeit besser etwas Lärm machen. Ich schalte im Atelier den CD-Spieler ein, wähle eine passende Platte: „The best of Adriano Celentano“. Der „urlatore“ Celentano ist Marianne und mir seit unserer Gymerzeit ein Begriff. Ich öffne die Fenster, spiele die CD mit voller Lautstärke ab, schleudere dem Bären akustisch „Il tuo bacio è come un rock“ und „Con ventiquattromila baci“ entgegen. Mit Erfolg. Der Bär taucht nicht auf. So füge ich hier ein Foto aus unserem „Archiv“ bei: ein junger Bär, der bei unserem Haus weidet.

 

Gartenoase

Die vergangene Woche stand im Zeichen der gemeinsamen Gartenarbeit: mähen, Beete vorbereiten, säen, Gemüse- und Blumensetzlinge pflanzen. Das sommerliche Wetter (bis 32 Grad Celsius im Schatten) hatte die Setzlinge in ihren Behältern so kräftig wachsen lassen, dass sie dringend ins Freie verpflanzt werden mussten. Im Norden des Tals ist die Feuerwehr schon wieder daran, Gras- und Buschfeuer zu bekämpfen. Vor dem Atelier fing ich die erste Klapperschlange. Wir brachten sie auf das an unser Land angrenzende Naturschutzgebiet, wo sie wohl für eine Weile bleiben wird.

Ausserhalb unserer Gärten, auf einem Felsrücken hinter dem Atelier, blühen die „Bitter-roots“ oder „Rock-roses“. Die Okanagan Nations sammelten die Wuzeln der „speet-lum“, um daraus, ergänzt mit Beeren und Lachseiern, einen nahrhaften Pudding herzustellen. Marianne fotografierte kürzlich auf einer Wanderung die seerosenähnlichen Blüten (Durchmesser zwischen vier und fünf Zentimeter).

 

Wurzeln

Am vergangenen Mittwoch fand in Oliver die jährliche Generalversammlung der lokalen Museumsgesellschaft statt. Dabei wurde die neue Ausstellung „Deep Roots“ feierlich eröffnet. Ein wichtiger Teil davon ist der Geschichte der „Osoyoos Indian Band“ gewidmet. Die „First Nations“ haben, im Gegensatz zu den Siedlern, Jahrtausende alte Wurzeln in diesem Tal. Ich werde in späteren Beiträgen auf das Museum und die Ausstellung zurückkommen. Für heute zitiere ich aus meinem eigenen Museum der Erinnerungen einen kurzen Text. Ich stelle ihm eine Aufnahme unserer kargen Hügel voran.

Botanische Erinnerung

Um Pfingsten,
behaupten wir
mit Blick auf die kargen
Wildwesthügel,
fressen die Kühe
in den Schweizer Alpen
so viele Vergissmeinnicht,
dass sich die Milch
himmelblau färbt und
ein wunderbares Mittel ist
gegen Gedächtnisschwund.

*

Dieses Foto nahm ich 1975 in einer Sennhütte in Grindelwald auf.

Schmelzwasser

Während ich vor dem Haus, eingetaucht in den Zimtduft der Antilopenbuschblüten, in der sommerlichen Wärme Gartenkräuter trocknen kann, lässt das Schmelzwasser in unserem Tal und in den Nachbartälern die Bäche, Flüsse und Seen weiterhin über die Ufer treten. Viele Häuser mussten und müssen noch evakuiert werden. „Die Überschwemmungen strafen uns für unsere irdischen Sünden“, schrieb der Herausgeber des „Oliver Chronicle“ in einer seiner Kolumnen. Er meine es nicht im biblischen Sinn. Mutter Natur habe genug von uns und wir müssten ihr dringend helfen, indem wir verantwortungsvoll mit der Erde umgingen. Im Radio ist die Rede davon, dass wir uns an die neuen klimatischen Gegebenheiten anzupassen haben. Und etwas südlich von uns regiert ein Präsident, der den Klimawandel für einen „joke from China“ hält.
Als wir im April eine schon fast sommerliche Woche in Grindelwald genossen, sahen und hörten wir auch viel Schmelzwasser zu Tal fliessen und rauschen. Auf der Terrasse mit Blick auf die Eigernordwand blätterte ich in einem 2015 im Sachbuchverlag Ott erschienenen Buch von Katharina Balmer. Es trägt den Titel „Als Gletscher noch aus Eis waren – Jungfrauregion einst und jetzt“. In unserem Fotoalbum von 1985 finde ich eine Aufnahme vom oberen Gletscher in Grindelwald. Heute ist dort kein Eis mehr zu sehen.

Nur noch drei Jahreszeiten?

Während wir unsere Gemüse-, Beeren-, Kräuter- und Blumengärten schon wieder bewässern müssen, werden in Sichtweite am Bach unten Tag und Nacht gegen 6000Liter Wasser pro Minute über die gesperrte Strasse in die kleine Schlucht gepumpt. So wird vermieden, dass der zum Waldseelein gestaute Bach die Strasse unterspült. Vielerorts im Tal ist immer noch Hochwasser-Notstand. Sandsäcke und zusammensetzbare Kunststoffelemente halten das Wasser von Häusern und Strassen ab. Keller werden ausgepumpt. Im Talboden hat ein Bagger zweiundzwanzig bisher geschützte Biberdämme geöffnet. Sie hatten den zum Fluss angeschwollenen Bach grossflächig über die Ufer treten lassen.

Einer der Arbeiter, die bei uns an der Strasse unten mit dem Einbau eines grossen Abflussrohrs beschäftigt sind, sagte zu Marianne: „Mit dem Klimawechsel werden wir hier wohl in Zukunft nur noch drei Jahreszeiten haben: Winter, dann Überschwemmungen und schliesslich Gras-, Busch- und Waldbrand-Zeit.“ Hoffen wir, dass es nicht so schlimm kommt!

Zurück im Okanagan Valley

Frühling im Okanagan Valley
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Shadow

Nach einem intensiven Monat in der Schweiz, den wir im Familienkreis und mit Freunden sehr genossen haben, sind wir wieder zu Hause. Empfangen wurden wir von unseren blühenden Aprikosenbäumen, Saskatoon-Büschen (Felsenbirne), Okanagan Frühlingssonnenblumen (Speerblättrige Balsamwurzel) und von den Kolibris, die aus Mexiko zu uns zurückgekehrt sind. Sie werden bis in den September hinein bleiben.

Auf dem Küchentisch lag ein Merkblatt mit Angaben für den Fall, dass wir überschwemmter und unterspülter Strassen wegen evakuiert werden müssten. Während unserer Abwesenheit war ungewöhnlich viel Regen gefallen. Zusammen mit dem Schmelzwasser ist das Bächlein, das die Grenze zwischen unserem Land und dem benachbarten Naturschutzgebiet bildet, zum reissenden Bach geworden. Davon wird mein nächster Bericht handeln.
Das erste Foto zeigt Saskatoon-Blüten, das zweite Frühlingssonnenblumen.

Ein Manuskript zerfällt – fünfter Teil

In meinem zusammengeschrumpften Manuskript „Tal“ blieb einsam und geduldig San Carlo Borromeo zurück. Er begleitete mich während meines Werkjahrs 1990 ins Tessin, nach Kanada und im Winter in die Bergluft von Grindelwald. Das aktuelle Foto (aufgenommen von Manuel Hutterli) zeigt die Aussicht, die ich damals beim Schreiben in Grindelwald hatte.

In „Tal“ war nun neben dem Mailänder Heiligen viel Platz für andere fiktive und historische Figuren. Als das Buch 2004, vierundzwanzig Jahre nach der in Finnland geschriebenen Fassung, im Waldgut Verlag Frauenfeld mit dem Titel „Das Centovalli Brautgeschenk“ erschien, schrieb der Verleger Beat Brechbühl für die Rückseite des Umschlags unter anderem:
So treten auf, beginnend mit der blutenden Madonna von Re: Hexen, Emanzipationswillige, Schlitzohren, Teufel, Bischöfe, Pfarrer – und zum Beispiel Prof. Ueda Akinari, Doppel eines japanischen Autors aus dem 17. Jahrhundert, San Carlo Borromeo, Bischof von Mailand, Franziska Gräfin zu Reventlow sowie Napoleon III. als Schwängerer der Dienstmagd Barbara H. und als braver Bürger des Kantons Thurgau. Victor Hugo wütet mit seinem Sozialverständnis gegen Napoleon III. Und immer wieder die Frauen: als Schlange, wunderschönes Geschöpf, Hetäre, Emanze, Regisseurin des Schicksals. Im „Protokoll der Befragung der Hexe Faustina durch Dottor Balanzoni-Lombardi anlässlich des Karnevals von Intragna“ erfährt man, was es wirklich ist, das „Brautgeschenk des Teufels“.

Ein Manuskript zerfällt – vierter Teil

1984 wurde auch meine Theaterfassung „Bakunin am Lago Maggiore“ uraufgeführt. Das Stadttheater Bern inszenierte sie in einem Zirkuszelt zum 150-jährigen Jubiläum der Universität Bern. Mein Bruder Werner gestaltete dazu die Bühneneinrichtung und das Plakat.

BAKUNIN Guten Abend! – Nehmen Sie das bitte als Gruss und nicht als Verfremdungseffekt. Man hat mir schon zu Lebzeiten eine gewisse Naivität attestiert, und Sie brauchen auch jetzt nicht nach kunstreichen Kniffen zu suchen, wo ich Ihnen einfach postum von meinen Tagen am Lago Maggiore erzählen möchte…

Michail Bakunin starb 1876 in Bern und wurde dort auf dem Bremgarten-Friedhof beerdigt. In meinem Stück verabschiedet er sich so vom Publikum:
Schwer krank suchte ich in Bern meinen Freund und Arzt Professor Adolf Vogt auf. Ich bat ihn, mir über meinen Zustand offen Auskunft zu geben. Er sagte, dass ich an einer akuten Nierenentzündung und an Wassersucht litt und dass das beständige Harnträufeln von einer Blasenlähmung kam. Ich besuchte noch einmal meinen andern Berner Freund, den Musikdirektor Reichel, liess mir von seinen drei Kindern vormusizieren. Dann begab ich mich in die Mattenhof-Klinik, wo ich am Samstag, dem 1. Juli 1976, um 11 Uhr 56, starb. Kurz vorher hatte ich noch leise auf Russisch gesagt: Ich habe nichts mehr nötig… Ich habe mein Lied zu Ende gesungen.

Das alte Foto zeigt das Grab, das bis heute erhalten geblieben ist.

Bakunins Stimme war dann auf geheimnisvolle Art auf dem Bremagarten-Friedhof in meiner Kurzhörspielserie „Oberassistent Märki“ 1991 / 2012 zu hören.


Ein Theater-Plakat zierte noch 1991 die doppelsitzige Toilette, die zum Sommerhaus unseres finnischen Freunds Lauri gehört.

Ein Manuskript zerfällt – dritter Teil

Nach dem Dichter Stefan George verliess der Anarchist Michail Bakunin mein Buchprojekt „Tal“. Er zog sich in die Villa „La Baronata“ in Minusio zurück, die ihm der italienische Revolutionär Carlo Cafiero finanziert hatte. Auf Cafieros Rat hin beantragte er, ohne Erfolg, in Mosogno im Onsernonetal das Schweizer Bürgerrecht. Ein Schweizer Pass wäre eine Art Schutzbrief für ihn gewesen.

BAKUNIN mit Vehemenz. Alle Klassen, Rangstufen, Privilegien und Unterschiede aller Art sind abzuschaffen und es ist die absolute Gleichheit der politischen Rechte zu verwirklichen. Die Frau ist in jeder Beziehung gleichberechtigt wie der Mann, da sie zwar von diesem verschieden ist, aber ihm nicht nachsteht, intelligent, arbeitsam und frei ist wie er.

Mein Bruder und ich besuchten 1982 die zerfallende Villa. 1983 schrieb ich in Bern das Bakunin-Hörspiel „Ich habe mein Lied zu Ende gesungen“. Es wurde 1984 von Radio DRS gesendet. 2014 war es auf SRF 1 Kultur in einer Sendung zum 200. Geburtstag von Bakunin wieder zu hören.

Die Haushaltshilfe GIUSEPPINA:  Guten Morgen, Herr. Bin ich zu früh?

BAKUNIN: Nein. Du kannst das Fenster ganz öffnen. Und vielleicht gewöhnst du dir das „Herr“ doch noch einmal ab. Ich bin Michele.

GIUSEPPINA: Jawohl, Signor Michele.

BAKUNIN: Michele, Donnerwetter! Einfach Michele! Denn erstens gibt es nur einen Herrn, und der ist im Himmel, und zweitens habe ich ihn dort oben auch abgeschafft.

 

Die Hörspiel-CD zeigt, wie sich die „Baronata“ 1982 präsentierte. Auf dem Foto von   1993 thront sie hoch über dem nördlichen Eingang des Umfahrungstunnels von Locarno.