Unsere Kolibris, zweiter Teil

Kolibris können wie Helikopter in der Luft stehen bleiben und sogar rückwärts fliegen. Auf unserer Porch hängt der Ornithologe und Freund Barry seit Anfang Mai jede Woche für zwei Stunden seine Falle auf, fängt möglichst viele Kolibris, beringt sie in seinem entsprechend ausgerüsteten Auto, misst uns wägt sie, schaut nach, ob sie für den Rückflug im Herbst schon etwas Fettvorräte angelegt haben.
Aus den Zahlen auf den winzigen Ringen konnte er dieses Jahr herauslesen, dass er einzelne „hummers“, die er als „recaps“ in seine Liste einträgt, bei uns schon vor fünf Jahren beringte. Beeindruckend, wie viele Tausend Kilometer die Vögelchen in dieser Zeit zurückgelegt haben!

 

Sturmnacht

Der Sonntag war sonnig, ruhig und beschaulich. Wir stellten unser Mückenzelt auf, um darin den Sommer über von Insekten unbehelligt essen zu können. Dann erntete Marianne Gemüse und Beeren und ich pflückte Kirschen.

Montag morgens um halb vier weckt uns das heftige Brausen eines Sturmwinds. Es blitzt und donnert ohne Regen. Die hohen Kiefern um Haus und Atelier schwanken beängstigend. Stromausfall. Um vier ruft unsere Schwägerin an: Auf dem Naturreservat gegenüber brenne es. Auch sie seien ohne Strom. Zum Glück taucht auf der Strasse unten ein Feuerwehrwagen auf. Wir packen im Licht unserer Stirnlampen das Nötigste in Rucksäcke und Taschen, für den Fall, dass wir das Haus verlassen müssen. Da beginnt es zu unserer grossen Beruhigung wie aus Kübeln zu giessen. Der Wind peitscht den Regen gegen das Haus. Um fünf flaut der Sturm ab. Wir schlafen bis sieben. Dann tragen wir draussen zusammen, was der Wind verstreut hat. Die Zuckerwasser-Behälter für die Kolibris hängen noch an ihren Haken und die „Hummers“ sind eifrig am Trinken. Wie haben sie sich wohl vor diesem Sturm geschützt? Unser Mückenzelt steht, leicht beschädigt, an seinem Ort. Hinter dem Atelier liegt eine entwurzelte Kiefer.


Kurz nach zehn haben wir wieder Strom. Auf dem Naturreservat löschen Mariannes Bruder, sein Schwiegersohn und mehrere Feuerwehrleute das vom Morgenwind wieder entfachte Gras- und Buschfeuer. Die Brandursache ist klar: Eine Kiefer war auf eine Stromleitung gestürzt und in Flammen aufgegangen.

Unsere Kolibris, erster Teil

Welch schöne Überraschung: Heute besuchte ein Monarch-Schmetterling unser Milk Weed! Er flog weiter, bevor ich ihn fotografieren konnte. So wende ich mich jetzt unseren anderen Gästen aus Mexiko zu. Das Foto zeigt einen Rufous hummingbird (Länge 9 cm) an einer der „Zuckerwasser-Tankstellen“ auf unserer Porch.

1954 verbrachte ich als Viertklässler zwei erlebnisreiche Landschulwochen in Grindelwald. Unser Lehrer Werner Lässer leitete uns an, vier Nummern einer Lagerzeitung auf dreifarbige Wachsmatrizen zu schreiben und, zurück in Bern, mit einem Spiritusumdrucker zu vervielfältigen. Wir nannten unsere Zeitung „Der Eiger-Bote“ und verkauften sie für dreissig Rappen pro Exemplar an Verwandte und Bekannte. In einem Beitrag hatte mein Klassenkamerad Peter unter anderem geschrieben: „Im Bett spielten wir Tiere… Kurt Hutterli war ein Kolibri.“ – Kein Wunder, dass ich seit zweiundzwanzig Jahren mit so viel Einfühlungsvermögen Zuckerwasser für die Kolibris mische, die von Mitte April bis Mitte September bei uns zu Besuch sind.
Das Foto zeigt zwei Calliope hummingbirds (Männchen). Mit einer Länge von 7- 8 cm sind sie bei uns die kleinste Kolibriart.

Milchkraut

Das um 1950 aufgenommene Foto zeigt meine Grosseltern Marie und Jakob am Eingang zu ihrem Centovalli-Garten.


In meiner Fantasie verwandelte sich ihr Garten manchmal in ein Stücklein Paradies, in das sich ab und zu auch eine Schlange verirrte. Einmal war es eine Zornnatter mit roten Augen. Mehr als die hellgrünen Klaräpfel kamen mir die orangen Kaki wie die verbotenen Früchte am Baum der Erkenntnis vor. Ich wunderte mich nicht, als ich später las, dass sie in Japan „Paradiespflaumen“ hiessen. Zwischen den Kakibaum und das Himbeerenbeet im unteren Teil des Gartens pflanzte Grossmutter fremdländische Essigbäume und eine faszinierende Pflanze, deren betäubend süss duftenden Blumenkugeln sich in papageiförmige Samenkapseln verwandelten. Verletzte man einen der hohen Stengel, quoll klebriger, milchweisser Saft heraus. Ich konnte damals nicht ahnen, dass die Essigbäume und „Papageienblumen“ im Okanagan Valley wild um unser Haus herum wachsen würden und hier „Sumac“ und „Milkweed“ heissen. Für die Raupen des grossen orange leuchtenden „Monarch Butterfly“, der in Mexiko überwintert und uns manchmal im Sommer bersucht, sind die Milkweed-Blätter die einzige Nahrung. Der prächtige Schmetterling hätte wunderbar in unser Centovalli-Paradiesgärtchen gepasst.
Das Milkweed blüht seit dieser Woche wieder vor unserem Haus. Leider ist der Monarch ein seltener Gast geworden. Im Augenblick geniessen „Schwalbenschwänze“ den Nektar der Blüten.

Gartenoase, Fortsetzung

Ich pflanze hinter dem Atelier Zinnien und Sonnenblumen. Marianne kommt zu mir. Eben habe unsere Schwägerin angerufen: Ein grosser Bär sei auf dem Weg von ihrem Rebberg zu uns hinüber. Marianne findet, ich solle bei der Arbeit besser etwas Lärm machen. Ich schalte im Atelier den CD-Spieler ein, wähle eine passende Platte: „The best of Adriano Celentano“. Der „urlatore“ Celentano ist Marianne und mir seit unserer Gymerzeit ein Begriff. Ich öffne die Fenster, spiele die CD mit voller Lautstärke ab, schleudere dem Bären akustisch „Il tuo bacio è come un rock“ und „Con ventiquattromila baci“ entgegen. Mit Erfolg. Der Bär taucht nicht auf. So füge ich hier ein Foto aus unserem „Archiv“ bei: ein junger Bär, der bei unserem Haus weidet.

 

Gartenoase

Die vergangene Woche stand im Zeichen der gemeinsamen Gartenarbeit: mähen, Beete vorbereiten, säen, Gemüse- und Blumensetzlinge pflanzen. Das sommerliche Wetter (bis 32 Grad Celsius im Schatten) hatte die Setzlinge in ihren Behältern so kräftig wachsen lassen, dass sie dringend ins Freie verpflanzt werden mussten. Im Norden des Tals ist die Feuerwehr schon wieder daran, Gras- und Buschfeuer zu bekämpfen. Vor dem Atelier fing ich die erste Klapperschlange. Wir brachten sie auf das an unser Land angrenzende Naturschutzgebiet, wo sie wohl für eine Weile bleiben wird.

Ausserhalb unserer Gärten, auf einem Felsrücken hinter dem Atelier, blühen die „Bitter-roots“ oder „Rock-roses“. Die Okanagan Nations sammelten die Wuzeln der „speet-lum“, um daraus, ergänzt mit Beeren und Lachseiern, einen nahrhaften Pudding herzustellen. Marianne fotografierte kürzlich auf einer Wanderung die seerosenähnlichen Blüten (Durchmesser zwischen vier und fünf Zentimeter).

 

Wurzeln

Am vergangenen Mittwoch fand in Oliver die jährliche Generalversammlung der lokalen Museumsgesellschaft statt. Dabei wurde die neue Ausstellung „Deep Roots“ feierlich eröffnet. Ein wichtiger Teil davon ist der Geschichte der „Osoyoos Indian Band“ gewidmet. Die „First Nations“ haben, im Gegensatz zu den Siedlern, Jahrtausende alte Wurzeln in diesem Tal. Ich werde in späteren Beiträgen auf das Museum und die Ausstellung zurückkommen. Für heute zitiere ich aus meinem eigenen Museum der Erinnerungen einen kurzen Text. Ich stelle ihm eine Aufnahme unserer kargen Hügel voran.

Botanische Erinnerung

Um Pfingsten,
behaupten wir
mit Blick auf die kargen
Wildwesthügel,
fressen die Kühe
in den Schweizer Alpen
so viele Vergissmeinnicht,
dass sich die Milch
himmelblau färbt und
ein wunderbares Mittel ist
gegen Gedächtnisschwund.

*

Dieses Foto nahm ich 1975 in einer Sennhütte in Grindelwald auf.

Schmelzwasser

Während ich vor dem Haus, eingetaucht in den Zimtduft der Antilopenbuschblüten, in der sommerlichen Wärme Gartenkräuter trocknen kann, lässt das Schmelzwasser in unserem Tal und in den Nachbartälern die Bäche, Flüsse und Seen weiterhin über die Ufer treten. Viele Häuser mussten und müssen noch evakuiert werden. „Die Überschwemmungen strafen uns für unsere irdischen Sünden“, schrieb der Herausgeber des „Oliver Chronicle“ in einer seiner Kolumnen. Er meine es nicht im biblischen Sinn. Mutter Natur habe genug von uns und wir müssten ihr dringend helfen, indem wir verantwortungsvoll mit der Erde umgingen. Im Radio ist die Rede davon, dass wir uns an die neuen klimatischen Gegebenheiten anzupassen haben. Und etwas südlich von uns regiert ein Präsident, der den Klimawandel für einen „joke from China“ hält.
Als wir im April eine schon fast sommerliche Woche in Grindelwald genossen, sahen und hörten wir auch viel Schmelzwasser zu Tal fliessen und rauschen. Auf der Terrasse mit Blick auf die Eigernordwand blätterte ich in einem 2015 im Sachbuchverlag Ott erschienenen Buch von Katharina Balmer. Es trägt den Titel „Als Gletscher noch aus Eis waren – Jungfrauregion einst und jetzt“. In unserem Fotoalbum von 1985 finde ich eine Aufnahme vom oberen Gletscher in Grindelwald. Heute ist dort kein Eis mehr zu sehen.

Nur noch drei Jahreszeiten?

Während wir unsere Gemüse-, Beeren-, Kräuter- und Blumengärten schon wieder bewässern müssen, werden in Sichtweite am Bach unten Tag und Nacht gegen 6000Liter Wasser pro Minute über die gesperrte Strasse in die kleine Schlucht gepumpt. So wird vermieden, dass der zum Waldseelein gestaute Bach die Strasse unterspült. Vielerorts im Tal ist immer noch Hochwasser-Notstand. Sandsäcke und zusammensetzbare Kunststoffelemente halten das Wasser von Häusern und Strassen ab. Keller werden ausgepumpt. Im Talboden hat ein Bagger zweiundzwanzig bisher geschützte Biberdämme geöffnet. Sie hatten den zum Fluss angeschwollenen Bach grossflächig über die Ufer treten lassen.

Einer der Arbeiter, die bei uns an der Strasse unten mit dem Einbau eines grossen Abflussrohrs beschäftigt sind, sagte zu Marianne: „Mit dem Klimawechsel werden wir hier wohl in Zukunft nur noch drei Jahreszeiten haben: Winter, dann Überschwemmungen und schliesslich Gras-, Busch- und Waldbrand-Zeit.“ Hoffen wir, dass es nicht so schlimm kommt!

Zurück im Okanagan Valley

Frühling im Okanagan Valley
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Shadow

Nach einem intensiven Monat in der Schweiz, den wir im Familienkreis und mit Freunden sehr genossen haben, sind wir wieder zu Hause. Empfangen wurden wir von unseren blühenden Aprikosenbäumen, Saskatoon-Büschen (Felsenbirne), Okanagan Frühlingssonnenblumen (Speerblättrige Balsamwurzel) und von den Kolibris, die aus Mexiko zu uns zurückgekehrt sind. Sie werden bis in den September hinein bleiben.

Auf dem Küchentisch lag ein Merkblatt mit Angaben für den Fall, dass wir überschwemmter und unterspülter Strassen wegen evakuiert werden müssten. Während unserer Abwesenheit war ungewöhnlich viel Regen gefallen. Zusammen mit dem Schmelzwasser ist das Bächlein, das die Grenze zwischen unserem Land und dem benachbarten Naturschutzgebiet bildet, zum reissenden Bach geworden. Davon wird mein nächster Bericht handeln.
Das erste Foto zeigt Saskatoon-Blüten, das zweite Frühlingssonnenblumen.