Frédéric Cayrou 2

Vor mir liegt wieder der Band mit den in Occitan geschriebenen Gedichten von Frédéric Cayrou.

Manches Gedicht erinnert daran, dass der tierliebende F. C. auch Veterinär war. Nicht nur von Schafen, auch von Pferden, Kühen, Ochsen, Hunden, Kaninchen, Hühnern, Hähnen, Truthähnen, Enten, Tauben, Schwalben, Eulen, Mäusen und Fliegen ist da die Rede. Das Foto zeigt F. C. als Veterinäroffizier der französischen Armee.

Seinen ländlich-idyllischen Gedichten fügte er, auf Französisch geschrieben, einen erschütternden Bericht über die Gräueltaten bei, welche die deutsche S.S. in zwei Dörfern verübt hatte. Viele Häuser und Bauernhäuser waren in Brand gesteckt worden. Dabei kamen Kinder, Frauen und Männer in den Flammen um. Unter ihnen war auch ein zweijähriges Mädchen. Andere Frauen und Männer wurden erschossen, fünfzehn als Geiseln nach Deutschland entführt.

Das Gedicht „Quna Misèra!“ bildet den Übergang zur entsetzlichen Dokumentation am Schluss des Buches. Ich zitiere die letzte der fünf Strophen:

Paire, vau morir! … A! quna misèra / Qu‘ ajetz, i a d’acò  ’na vintena d‘ ans, / Ganhat una guèrra ont tantes d‘ enfants / Son mòrts en crejent qu‘ èra la darrièra.

(Vater, ich werde sterben! … Ah! welch ein Elend  / dass ihr vor zwanzig Jahren / einen Krieg gewonnen habt, in dem so viele Kinder / im Glauben gestorben sind, dass es der letzte war.)

– Haben wir nicht bis vor etwas mehr als einem Jahr gedacht, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa keinen Krieg mehr geben würde?

Von meinem Grossvater Jakob hatte ich als Kind eine Serie von Pressefotografien aus dem Ersten Weltkrieg bekommen. Er hatte sie von einem Bekannten erhalten, der beim Presse- Bilderdienst arbeitete.

Dieses Foto beeindruckte mich so stark, dass ich es mit mir nach Kanada brachte.

Frédéric Cayrou 1

Hier wird, wie in meinem letzten Beitrag versprochen, das Geheimnis gelüftet: Beim mit verschiedenen Fotos vorgestellten Mann handelt es sich um den Dramatiker und Dichter Frédéric Cayrou (1879 – 1958), der alle seine Theaterstücke und Gedichte auf Occitan schrieb. Französisch sprechen in den Stücken jeweils Touristen, Polizisten und Regierungsvertreter.

Frédéric Cayrou war vielseitig begabt. In jungen Jahren war er in Amerika als Akrobat   in Buffalo Bills Zirkus zu sehen.

Jahrzehnte später wird er sich in Erinnerung an seine Artistenkarriere beim Handstand auf einer Bank fotografieren lassen.

Auch als Musiker trat Frédéric Cayrou öffentlich auf. Leider konnte ich nicht herausfinden, welches Instrument er dabei spielte. In seinen letzten Lebensjahren vertrat er als Senator in Paris das Département Tarn et Garonne. Auf sein Wirken als Veterinär komme ich in meinem nächsten Beitrag zu sprechen. Hier möchte ich mit der ersten Strophe des Sonetts „Los Motons“ auf F. C. als Dichter zurückkommen:

Son nascuts vestits, los braves motons / Que van en tropèl paisse dins la plana, / Non pas de coton, mas de bona lana / Que los ten caudets del cap als talons.

(Sie werden gekleidet geboren, die braven Schafe, die als Herde in der Ebene weiden, nicht in Baumwolle, sondern in gute Wolle gekleidet, die sie warm hält vom Kopf bis zu den Fersen.)

Ein Ausschnitt aus dem von Huberts Vater Emile Robertie gemalten Bild zeigt noch einmal „los braves motons“, denen jedes Jahr ihr weicher Mantel gestohlen wird „sans autras rasons“.

Welcher Beruf trifft zu?

Als ich Marianne das folgende Foto mit der Frage vorlegte, welchen Beruf dieser Mann wohl ausgeübt habe, vermutete sie Lateinlehrer. Sie fand, er habe doch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Lateinlehrer, der uns in den drei letzten Jahren vor seiner Pensionierung unterrichtete.

Beim nächsten Foto sind für mich Lehrer, Schriftsteller oder Musiker denkbar.

Die Aufnahme wurde um 1915 in einem Studio in Oklahoma gemacht. Ob der Abgebildete sich auf einer Lese- oder Konzerttournee durch die USA befand?

Dieses leider undatierte Bild, das ihn in Begleitung seiner Frau zeigt, wurde jedenfalls in den USA aufgenommen und könnte meine Vermutung bestätigen. Ein Abstecher führte offensichtlich auch nach Kanada.

Die Legende zu diesem ebenfalls undatierten Foto besagt, dass sich der Abgelichtete hier am Ufer eines kanadischen Sees befindet.

In meinem nächsten Beitrag werde ich das Geheimnis lüften …

Erinnerungen an Hubert 3

Während unseres Besuches durften wir in Huberts Haus wohnen. Gebaut hatte es  sein Neffe Alain nach Plänen von Tochter Manu, die eben ihr Architekturstudium abgeschlossen hatte. Hubert selbst zog während unseres Aufenthalts zu Bruder und Schwägerin.

Unter Huberts Führung erkundeten wir die nähere Umgebung.

Ganz besonders gefiel uns ein idyllisches Waschhäuschen.

Hubert fuhr uns dann in seinem neuen Citroën Picasso nach St. Antonin-Noble-Val.

Zu dritt unternahmen wir eine „Zeitreise“ zurück ins Mittelalter.

Über einem Fenster entdeckten wir ein Liebespaar.

Das Stadthaus von St. Antonin ist das älteste in ganz Frankreich.

Es wurde 1155 als Herrschaftshaus und Sitz des Gerichts gebaut und ist jetzt ein Museum. Unvergesslich ist auch der Blick auf die Burgruine von Penne.

Ein Besuch der Ruine war im Frühling 2010 noch nicht möglich.

Die Restaurierungsarbeiten sind dreizehn Jahre später noch immer nicht abgeschlossen.

Die Ruine kann jetzt aber von Mitte Februar bis Mitte November besucht werden.

Steinmetzen und Baufachleute arbeiten dabei in mittelalterlichen Kleidern und mit mittelalterlichen Werkzeugen.

Nachdem wir in St. Antonin so viele Eindrücke gesammelt hatten, machten wir am Aveyron unten eine erste Pause.

Vor der Rückfahrt brauchten wir etwas Stärkung.

Wir fanden sie im Städtchen in einem Bistro.

Erinnerungen an Hubert 2

Huberts Muttersprache war nicht Französisch, sondern Occitan. Bevor er 2008 in seine Heimat zurückkehrte,  schenkte er uns auch zwei in Occitan geschriebene Bücher. So präsentiert sich das erste Buch:

Ich zitiere aus dem Nachwort: Malaürosament, l’occitan se parla de mens en mens coma lenga populara espontanèa, transmesa de generacion en generacion despuèi mila ans. (Leider wird das Occitan immer weniger als spontane Umgangssprache gesprochen, wie sie seit tausend Jahren von Generation zu Generation weitergegeben wurde.)

Vor seiner Auswanderung besass Hubert in Südfrankreich in der Nähe des Städtchens Caussade eine Schafherde. Sein Vater Emile hatte das Städtchen auf einem Bild festgehalten, das jetzt bei uns hängt. Hubert wollte vor der Rückreise in seine alte Heimat unbedingt, dass die beiden von seinem Vater gemalten Bilder bei uns im Okanagan Valley blieben.

In Kanada zog Hubert nach British Columbia, wo er auf dem Rogers Pass für Unterhaltsarbeiten an den Gebäuden zuständig war. Nach seiner Pensionierung liess er sich dann in Oliver nieder.

Das zweite Bild, das Hubert uns schenkte, zeigt eine Schafherde vor dem Haus, in dem er einst lebte.

Wir blieben mit Hubert per Luftpost in Kontakt.

Im Frühling 2010 besuchten wir ihn, seinen Bruder und dessen Familie.

Hubert führte uns zum Haus, in dem er gelebt hatte.

Es sah immer noch so aus, wie es sein Vater gemalt hatte.

Erinnerungen an Hubert 1

Bevor unser Freund Hubert Robertie mit einundachzig Jahren 2009 sein Haus in Oliver verkaufte und nach Südfrankreich zurückkehrte, lud er uns noch einmal zu sich ein. Mir machte er einen Kaffee und Marianne einen Tee. Selber trank er, wie immer, nur heisses Wasser.

Von einem Parkplatz an der Hauptstrasse aus gesehen wird das Haus jetzt fast ganz von einer Doppelgarage verdeckt. Sie steht seit Jahren dort, wo Hubert früher seinen Gemüsegarten hatte.

Von einer Nebenstrasse aus ist die Sicht auf das Haus frei. An der Hauswand rechts zog Hubert griechische Bergfeigen-Bäumchen. Dank der sonnigen Lage und der zurückgestrahlten Wärme wurden die kleinen Früchte reif.

Hubert führte uns durch alle Zimmer, sagte, er würde uns gern etwas als Erinnerung  schenken. Wir dürften auslesen was immer wir wollten. Wir wählten den Schaukelstuhl und zwei kleine Bilder, die sein Vater gemalt hatte.

Die beiden Bilder werde ich in einem nächsten Beitrag zeigen.

Kennen gelernt hatten wir Hubert auf Wanderungen mit den Oliver und Osoyoos Naturfreunden. Oft waren wir mit ihm in der Umgebung von Oliver auch zu dritt unterwegs.

Wir hatten die nach Regenfällen jeweils für längere Zeit mit Wasser gefüllte merkwürdige Vertiefung im Felsen zum „Lake Hubert“ erklärt.

Ob es sich wohl um ein von Menschen in den Fels gehauenes Becken handelt?

Verspielte Farben und geheimnisvolle Objekte

Im vergangenen Herbst fragte mich der „Penticton and District Arts Council“ an, ob ich ein Konzept für eine Einzelausstellung im „Leir House Cultural Centre“ einreichen möchte. Ich sagte mit Freude zu, und mein Vorschlag fand beim Vorstand Anklang. Vor zwei Wochen unterschrieb ich den Vertrag. Die Ausstellung wird vom 15. November 2023 bis zum 13. Januar 2024 zu sehen sein.

Zur Beschreibung meines Projekts gehörten auch Fotos von Malereien und Objekten, die einen Teil der Ausstellung bilden werden. Hier drei Beispiele für meine „Playful Colours“. Ich setze jeweils eine deutsche Fassung des Titels unter die Bilder und Objekte.

Sieben verspielte Farben.

Erinnerungen an Kuba.

Empathische Farben.

Bei meinen Objekten und Installationen geht es mir, ewas pathetisch ausgedrückt, um eine „Veredelung durch Phantasie“. Dabei lasse ich mich von weggeworfenen oder nutzlos gewordenen Gegenständen und Materialien inspirieren.

Ein Geschichtenfänger.

Stellen Sie sich Ihr eigenes Theaterstück vor!

Es war ein heisser Okanagan Sommertag.

Erinnerungen an ein altes Klavier.

An meinem Arbeitstisch im gut heizbaren Keller-Zimmer lasse ich jetzt weitere Farben miteinander spielen.

Das Atelier bleibt meist ungeheizt. Hier stelle ich, warm angezogen, vorläufig nur kleinere Objekte zusammen.

Wer war das Kind, das damit spielte?

Erfinden Sie dazu doch einen Titel!

Kultur-Ausflug

Nachdem wir uns 1996 als „landed immigrants“ im Okanagan Valley niedergelassen hatten, telefonierte ich einem Informationsbüro in Kelowna. Auf meine Frage hin, was hier im Tal in Sachen Kultur so laufe, fragte eine freundliche Männerstimme zurück: „You mean agriculture?“ „No: culture.“ „Culture? That’s a good one!“ Heute würde mich wohl die gleiche Stelle stolz über das vielfältige kulturelle Angebot informieren, über die vielen Konzerte, Theaterproduktionen und Kunstausstellungen.

Am vergangenen Samstag besuchten wir in Penticton ein Konzert des Okanagan Symphonie Orchesters. Die Leiterin und Dirigentin Rosemary Thomson führte durch ein spannendes Programm, bei dem Edvard Griegs „Peer Gynt Suite“ eingebettet war in eine Folge zeitgenössischer Kompositionen, zu denen ich hier auch Albert Roussels „Le festin de l’araignée“ zähle.

Star des Abends war die Komponistin und Cellistin Cris Derksen.

Von der Seite ihres Vaters her ist sie Cree. Ihre Mutter stammt aus einer streng mennonitischen Siedlerfamilie.

Als wir das Cleland Community Theatre verliessen, war der Parkplatz verschneit. Zum Glück hatten wir vorsorglicherweise in der Nähe ein Motel-Zimmer reserviert. Als wir am Morgen aus dem Motel traten, stand unser Auto frisch verschneit unter einem strahlend blauen Himmel, der zu einem Spaziergang auf dem „Lungolago“ einlud. (Alle Fotos: Marianne Hutterli)

Der Uferweg führt vom Sicamous-Raddampfer – heute ein Museum – zur Penticton Art Gallery. Er ist von Skulpturen gesäumt. Die Freilicht-Ausstellung wurde im Mai 2022 eingerichtet und wird noch bis Ende April zu sehen sein.

Nicht nur dieser sehnsüchtig auf den See hinausblickende Hund wurde verschneit, …

…sondern auch die am Ufer spielenden Kinder, die, in Bronze gegossen,  seit Jahren, ihren festen Spielplatz haben.

Als wir etwas später noch einmal einen Blick auf sie warfen, hatte die Sonne sie vom Schnee befreit.

Phoenix 2

Seit auf dem Friedhof 1919 die letzten Toten beerdigt wurden, sind zwischen den Gräbern Bäume gewachsen.

Auf mehreren Gräbern wachsen Büsche.

Kusti Wilson starb ein Jahr bevor die Mine geschlossen wurde.

Angelo Catterini stammte aus Italien.

Der in der Schweiz geborene Joseph Vezzetti kam als Neunzehnjähriger in einem Minenunglück ums Leben.

Besonders berührend sind die Kindergräber.

Stina Christensen starb vierjährig.

Baby Turano wurde nur 13 Monate alt.

Baby Dawson lebte nur einen Monat.

Bevor wir den Friedhof verlassen, werfen wir noch einen Blick auf ein namenloses Kindergrab.

Es liegt jetzt sicher, wie alle anderen Gräber, unter einer dicken Schneeschicht.

Phoenix

Wie angenehm, sich im Januar an einem nebelverhangenen Tag die sonnigen Oktobertage in Erinnerung zu rufen, die wir im ehemaligen Minenstädtchen Greenwood geniessen konnten! Mitten im Städtchen zeigt eine Skulptur den sagenhaften Vogel Phönix, der sich alle 500 Jahre selbst verbrennt und dann neu aus der Asche aufsteigt.

Das Geisterstädtchen Phoenix befindet sich elf Kilometer östlich von Greenwood auf etwa 1540 Meter Höhe. Der amerikanische Erzsucher Bob Denzler hatte hier 1891 ein reiches Kupfervorkommen entdeckt. Die „Granby Consolidated Mining, Smelting, and Power Company“ begann wenige Jahre später, das Kupfer abzubauen. Bis zur Schliessung der Mine am 14. Juni 1919 wurden hier 13’678’901 Tonnen Kupfererz gewonnen.

Es braucht viel Fantasie, sich hier ein Minenstädtchen mit 1000 Bewohnern vorzustellen. Ein altes Foto kann helfen.

Phoenix besass bald einmal ein Opernhaus, eine „City Hall“, zwanzig Hotels und eine Brauerei. Die Eishockey-Mannschaft von Phoenix gewann die Provinzmeisterschaften, meldete sich aber zu spät für den Stanley Cup an.  Richter Willie Williams, der von 1897 bis 1913 im Amt war, sagte von sich lachend, er sei der höchste Richter am höchsten Gerichtshof in der höchsten Stadt Kanadas. Fotos aus dieser Zeit zeigen, wie anstrengend, ungesund und gefährlich die Arbeit in den Stollen war.

An Klaustrophobie durften die Minenarbeiter nicht leiden.

In mehrstöckigen Stollen war die Einsturzgefahr besonders gross.

In  einer Zusammenstellung der in Phoenix Gestorbenen stehen folgende Zahlen: Erwachsene: 51 bei Minenunfällen umgekommen, 36 eines natürlichen Todes gestorben, 8 an Grippe, 5 an Typhus, 3 bei Bahntransporten oder beim Holzfällen, unbekannte Todesursache 2, 1 Mordfall, 1 Selbstmord. 27 Kleinkinder starben, bevor sie zweijährig waren, Todesfälle von Kindern zwischen zwei und sechzehn Jahren sind 10 verzeichnet.

Im nächsten Beitrag besuchen wir den Friedhof von Phoenix.