Im Arbeitszimmer

Wenn, wie in den vergangenen Tagen, stürmische Herbstwinde durchs Tal brausen, ist es in unserem Arbeitszimmer unten besonders wohnlich. Auf meinem Schreibtisch stehen für die Zehnuhr-Pause zwei Kaffeetassen, Geschenke von Tochter Priska, und ein Espresso-Tässchen des Theaterverlags Elgg bereit. Bei Elgg ist eben mein neues Jugendtheaterstück „Leo und Johanna“ erschienen und in Deutschland im Heiner Labonde Verlag die von Volker Pirsich zusammengestellte Anthologie „Die Nadelwälder dunkeln fort im Osten – Deutschsprachige Gedichte über Finnland und die Finnen“. Der Band enthält auch drei meiner eigenen Finnland-Gedichte. Im Frühling wird dann der Münster Verlag in Basel mit dem Titel: „Pflaumengestirn und Hasenpfeffer“ eine Sammlung meiner von 1968 bis 2019 geschriebenen Gedichte veröffentlichen.

Auf der Staffelei steht mein Bild „Fröhliche Flechten auf karmesinrotem Fels“, das ich Anfang Oktober in der Oliver Art Show zeigte. Dass Marianne nach einer Sommerpause wieder an ihrem Webstuhl arbeitet, macht das Zimmer zu unserem gemeinsamen Atelier für kalte Tage.

Laghetti

Laghetti, 1988

Als ich letzte Woche meinen Beitrag „Kraftort?“ schrieb, kam mir die in den Centovalli hoch über dem Dörfchen Bordei gelegene Alp Laghetti in den Sinn. Ich würde sie nicht als „Kraftort“ bezeichnen, aber in der Erinnerung ist sie für mich ein Ort mit geheimnisvoller Ausstrahlung. 1896 wurde hier in der Hütte, die längst nur noch eine Ruine ist, die Ziegenhirtin Assunta Turri geboren. „Wie ein Geisslein“, sagte vor Jahrzehnten Rina, die Postina von Rasa, zu mir.

Laghetti, Keller, 1988

Im Herbst 1962 fand ein Pilzsammler Assunta tot in der Schlucht neben ihrem Maiensäss in Renalo. Ich übersetze aus einem damals im „Giornale del Popolo“ in Lugano erschienenen Artikel: „Eine 66-jährige Frau stirbt unter dramatischen Umständen in den Bergen. Schon oft hatte die Vormundschaftsbehörde versucht, Assunta Turri zum Eintritt ins Altersheim zu bewegen. Leider antwortete die Frau immer mit einem trockenen Nein. Sie zog es vor, unter elenden Bedingungen in einer Hütte zu leben, mit ihren Ziegen, die verwildert waren wie sie… Die Polizei hat das Unglück so rekonstruiert: Assunta Turri verliess vor mehreren Tagen die Hütte, um ihre verwilderten Ziegen zu suchen. Dabei glitt sie auf dem schmalen Weg aus und stürzte 40 Meter tief in die Schlucht, wo sie zerschmettert liegen blieb.“

Assuntas Maiensäss, 1987

Wer lesen möchte, weshalb der Kontakt mit Assunta für mich als Heranwachsenden wichtig war, findet auf dieser Website unter „Arbeitstisch“ und  „Meine mitgebrachte Kindheit“ einen kurzen Text. Das folgende Foto zeigt meine Mutter um 1960 im Gespräch mit Assunta, die ihre gesammelten Kastanien sortiert.

Kraftort?

Dieses Hügelchen  – ich sehe es von meinem Atelier aus – erinnert mich an eine Wanderung im „Indian Reserve“. Buddy A. von der Osoyoos Indian Band führte unsere Naturfreunde-Gruppe auf schmalen, kaum sichtbaren Pfaden, die er als Jäger bestens kennt.

Als Gast kam damals auch eine deutsche Touristin mit. Beim Anblick eines ähnlich geformten Hügelchens bemerkte sie zu mir auf Deutsch: „Das ist sicher ein indianischer Kraftort.“ „Fragen Sie doch Buddy gleich selbst“, schlug ich vor. Auf Englisch umschrieb sie für Buddy das Wort „Kraftort“ mit  „a special place loaded with spiritual forces“. Buddy antwortete mit seinem oft mit einer guten Portion Selbstironie gewürzten Humor: „Ich weiss nicht, ob es sich da um so etwas handelt. Das Einzige, was ich Ihnen mit Sicherheit sagen kann, ist, dass mein Onkel und ich uns dort einmal einen Rausch ausschliefen, bevor wir uns zu unseren Frauen zurückwagten.“

Buddy A.

Das folgende Foto zeigt eines der kraftvollen Wildpferde, die auf dieser Wanderung plötzlich vor uns auftauchten.

Festival of the Grape

Portugiesische Trommler und Delegationen mit ihren Fahnen

Am vergangenen Sonntag fand in Oliver das traditionelle „Festival of the Grape“ statt. Während nach den Eröffnungsreden und dem Erntedank-Gebet auf der Bühne eine Musikgruppe spielte, konnten die etwa 4000 Besucherinnen und Besucher die in mehrern Zelten ausgeschenkten Weine des South Okanagan degustieren.

Gleichzeitig war im Community Centre  die schon am Samstag eröffnete „Fall Art Show“ zu sehen. Sie zog, bei sonnigem Herbstwetter, deutlich weniger Leute an als das Traubenwettstampfen, bei dem es darum geht, in origineller Kleidung innerhalb von fünf Minuten möglichst viel Saft zu pressen.

Bearjolais statt Beaujolais

Mehrere Bären beteiligten sich, trotz elektrischem Zaun, wiederum auch tagsüber an der Traubenernte im Biorebberg unserer Verwandten. Marianne und ich behielten beim Pflücken der Maréchal-Foch-Trauben für unseren Wein sicherheitshalber die Rebenreihen um uns herum im Auge. Keith, der Partner unserer Nichte Clea – die beiden sind immer mehr an der Bewirtschaftung des grossen Rebbergs beteiligt – schlug schon vor Jahren vor, Marianne und ich sollten unseren Wein „Bearjolais“ nennen. Als Etikette könnte ich mir einen weinselig tanzenden Bären vorstellen.

Wood Rat

Nach der „Entdeckung“ des legendären Seeungeheuers N’ha – a – itk in Naramata wende ich mich jetzt einer anderen Entdeckung zu, einem kleinen real existierenden Landungeheuer, das über Nacht unseren Geräteschuppen in einen WohnWC mit Fress- und Schlafnische verwandelte. Der „Duft“ der Einrichtung erinnert mich an abgestandenes Bier, das possierliche Tier selbst an einen Siebenschläfer in Grossformat. Sohn Manuel schickte uns eben mit seinem Handy Bildchen aus dem Centovalli-Refugium: Siebenschläfer am helllichten Tag in der Pergola. Er habe die Uva Americana mit ihnen um die Wette pflücken müssen. Zurück zu unserem Besucher mit seinem buschigen Schwanz: Männliche Waldratten sammeln alles metallisch Glänzende, bei uns z.B. verzinkte Schraubenschlüssel, in ihr Nest, um damit die Weibchen zu beeindrucken. Unsere Ratte ging,  mit einem Klumpen Alufolie angelockt, in die Falle.

Der pelzige Kobold lebt jetzt, nach einer gemeinsamen Autofahrt, beim idyllisch gelegenen Mahony Lake…

N’ha – a – itk

Am vergangenen Mittwoch fuhren wir zum dritten Mal in diesem Jahr nach Naramata (Blog Naramata 1, 20. Juni 2019; Naramata 2, 24. Juni 2019), diesmal mit Freunden aus Coquitlam bei Vancouver.  Am Okanagan Lake hielten wir Ausschau nach dem legendären Seeungeheuer N’ha – a – itk, das die meisten Leute als Ogopogo kennen. Der Name „Ogopogo“ wurde 1924 von einem Reporter erfunden, der für ein Fest einen Song komponierte und textete. „Seine Mutter war ein Ohrwurm, sein Vater war ein Wal“, hiess es im Liedchen. So sehr wir unsere Augen auch anstrengten, das dunkelgrüne schlangenartige Wesen zeigte sich nicht – bis ich es schliesslich, nicht weit von uns entfernt, an Land entdeckte, wo es genüsslich in einen riesigen Pfirsich biss.

Septemberlicht

„Morning Glory“ in unserem Garten

Das warme Septemberlicht lässt die noch blühenden Blumen in unserem Garten wie von innen heraus leuchten, und an der Strasse nach Oliver laden die Frucht- und Gemüsestände mit ihrem farbigen Angebot zum Kaufen ein.

Und hier ein zweites Foto, das ich an einem anderen Verkaufsstand aufnahm.

Rilkes Gedicht „Herbsttag“ kommt mir in den Sinn:
„HERR: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross. /  Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,  /  und auf den Fluren lass die Winde los.  //  Befiehl den letzten Früchten voll zu sein,  /  gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,  /  dränge sie zur Vollendung hin und jage  / die letzte Süsse in den schweren Wein.“
In einzelnen Rebbergen im Tal hat die Traubenernte schon begonnen. Das Schlussbild zeigt einen glühenden Abendhimmel hinter dem Atelier: nach der „Morning Glory“ jetzt eine „Evening Glory“…

Bärenbesuch

Nach Plünderung der Pergola…

Nachdem wir drei intensive Wochen in der Schweiz mit drei Geburtstagsfeiern (Sohn Manuel: 50, Enkel Raphael: 13, ich: 75) und Besuchen von und bei Verwandten und Freunden in vollen Zügen genossen hatten, wurden wir auf dem spätsommerlichen Secrest Hill von einem jungen Schwarzbären besucht. Sofort pflückten wir unsere Birnen und die paar Äpfel, die er uns übrig gelassen hatte. Die Zwetschgen (bis auf eine einzige) und einen Teil der Trauben hatte er in unserer Abwesenheit schon geerntet, was der Original-Bärendreck verrät, den er vor dem Atelier plazierte.

Aktuelle Ergänzung: Heute Morgen musste ich unseren pelzigen Gast beim Bistro-Tischchen neben dem Atelier mit kräftigem Händeklatschen wecken und mit einem bestimmten „Please go!“ verscheuchen.

Nationalpark: Fortschritt

Was die Gegner eines Nationalparks im South Okanagan unter „Freiheit“ verstehen, lässt sich hier nur erahnen. Jedenfalls ist in ihrer Vorstellung von Freiheit die Bewahrung einer einmaligen Landschaft mit ihren seltenen Tier- und Pflanzenarten nicht enthalten. Doch bevor ich mit meinen Blog-Beiträgen eine Sommerpause mache, kann ich noch Erfreuliches melden. Der erste entscheidende Schritt zur Schaffung einer „National Park Reserve“ ist gelungen!
Marianne war als „Past President of the Oliver Osoyoos Naturalists“ offiziell zu den Feierlichkeiten eingeladen. Im Kulturzentrum der Osoyoos Indian Band unterschrieben Chief Clarence Louie und der Chief der Lower Similkameen Indian Band Keith Crow zusammen mit der Ministerin für Umwelt und Klimawandel aus Ottawa Catherine McKenna und dem Minister für Umwelt und Klimawandel der Provinz von British Columbia George Heyman ein „Memorandum of Understanding“ als Vorstufe für die Unterzeichnung der Gründungsurkunde. Die drei offiziellen Sprachen im neuen Nationalpark werden Englisch, Französisch und Nsyilxcen, die Sprache der Okanagan First Nations, sein. Die beiden Fotos zeigen zwei Landschaftsformen auf dem Gebiet des zukünftigen Nationalparks: das Grasland bei Osoyoos und die alpine Vegetation auf Mount Kobau.