Unsere Reise in die Nachbarprovinz Alberta
führte uns zuerst nach Calgary, wo wir unsere Nichte Raffaele mit Familie
trafen. Zusammen erkundeten wir bei minus 17 Grad Celsius die Grossstadt mit
den Augen von Menschen, die – sei es in Oliver B.C. oder in Drayton Valley,
Alberta – an den Anblick von bescheideneren Gebäuden gewöhnt sind.
Auch die öffentliche Bibliothek von Calgary setzt
da ganz andere Massstäbe.
Natürlich beeindruckte uns diese grosszügige
Architektur, was uns aber nicht daran hindert, uns in Oliver über unsere
kompetent und freundlich geführte Gemeindebibliothek zu freuen. Die Ausleihe
ist kostenlos. Die Bibliothek wird über die Steuern finanziert.
Nach unserer Reise in die Nachbarprovinz
Alberta – davon wird in den nächsten
Beiträgen die Rede sein – brachte uns die Post ein Belegexemplar des
eben in Deutschland im Heiner Labonde Verlag erschienenen Buches „Die
Nadelwälder dunkeln fort im Osten – Deutschsprachige Gedichte über Finnland und
die Finnen“. (ISBN 978-3-937507-78-1). Es enthält auch drei meiner eigenen
Finnland-Gedichte. Zusammengestellt und mit einem sachkundigen Vorwort versehen
wurde die reichhaltige, sorgfältig gestaltete Anthologie von Volker Pirsich.
Ein Lesegenuss für alle deutschsprachigen
Freundinnen und Freunde Finnlands! Bei Marianne und mir löst der Band viele
Erinnerungen an unsere Aufenthalte in Finnland aus.
Wenn ich im Wohnzimmer von meinem
Leseschaukelstuhl aufschaue, fällt mein Blick auf das Bild, das Marianne 1980
in einem mit Ästen improvisierten Rahmen webte. Es zeigt unsere Wäscheleine neben
dem alten Schulhaus des Dörfchens Vassor bei Vaasa, in dem wir damals ein Jahr
lang wohnten. Als wir dort dreizehn Jahre später ein paar Ferienwochen
verbrachten, waren die russischen Wäscheklammern aus Holz, die wir am Draht
zwischen den Kiefern zurückgelassen hatten, grau verwittert und von krausen
Flechten überwachsen.
Vor Jahren half ich als damaliges
Vorstandsmitglied der Oliver Heritage Society beim Räumen des Museumskellers
mit. Dabei stiessen wir auf vier verstaubte, von Spinnweben überzogene Sessel
aus dem 1946 erbauten Oliver Movie Theatre. Das Aufräumen inspirierte mich zu
meinem Jugendtheaterstück „Das Museumsgespenst“: Zwei Schülerinnen
der elften Klasse erleben als Aushilfen im Museum eine turbulente Zeit.
Zusammen mit dem Museumsdirektor Brian Greenwood gestalten sie eine kleine
Sonderausstellung zur Geschichte des Kinosaals von Oliver und richten die alten
Sessel als Blickfang ein.
BRIAN: Irgendwie werden wir einen Platz für
die vier alten Kinosessel finden. Oder wenigstens für zwei davon. TERRY: Sie
sind echt cool. Meine Eltern erinnern sich noch, wie aufgeregt sie waren, als
sie zum ersten Mal zusammen ins Kino gingen. MIRANDA: Vielleicht gaben sie sich
gerade in diesen Sesseln zum ersten Mal einen Kuss. Mega romantisch! BRIAN
(lacht): Wir könnten dann ein entsprechendes Schildchen anbringen.
Seit zwei Jahren sind die Sessel jetzt
wirklich Teil der ständigen Ausstellung.
Heute Abend werden wir uns mit Tochter Priska
und Partner Ronny, die bei uns zu Besuch sind, im Oliver Movie Theatre den im
Rahmen unseres „Movie Clubs“ gezeigten Film „The Farewell“ anschauen.
Wenn, wie in den vergangenen Tagen,
stürmische Herbstwinde durchs Tal brausen, ist es in unserem Arbeitszimmer
unten besonders wohnlich. Auf meinem Schreibtisch stehen für die Zehnuhr-Pause
zwei Kaffeetassen, Geschenke von Tochter Priska, und ein Espresso-Tässchen des
Theaterverlags Elgg bereit. Bei Elgg ist eben mein neues Jugendtheaterstück
„Leo und Johanna“ erschienen und in Deutschland im Heiner Labonde
Verlag die von Volker Pirsich zusammengestellte Anthologie „Die
Nadelwälder dunkeln fort im Osten – Deutschsprachige Gedichte über Finnland und
die Finnen“. Der Band enthält auch drei meiner eigenen Finnland-Gedichte.
Im Frühling wird dann der Münster Verlag in Basel mit dem Titel:
„Pflaumengestirn und Hasenpfeffer“ eine Sammlung meiner von 1968 bis
2019 geschriebenen Gedichte veröffentlichen.
Auf der Staffelei steht mein Bild „Fröhliche Flechten auf karmesinrotem Fels“, das ich Anfang Oktober in der Oliver Art Show zeigte. Dass Marianne nach einer Sommerpause wieder an ihrem Webstuhl arbeitet, macht das Zimmer zu unserem gemeinsamen Atelier für kalte Tage.
Als ich letzte Woche meinen Beitrag
„Kraftort?“ schrieb, kam mir die in den Centovalli hoch über dem
Dörfchen Bordei gelegene Alp Laghetti in den Sinn. Ich würde sie nicht als
„Kraftort“ bezeichnen, aber in der Erinnerung ist sie für mich ein
Ort mit geheimnisvoller Ausstrahlung. 1896 wurde hier in der Hütte, die längst
nur noch eine Ruine ist, die Ziegenhirtin Assunta Turri geboren. „Wie ein
Geisslein“, sagte vor Jahrzehnten Rina, die Postina von Rasa, zu mir.
Laghetti, Keller, 1988
Im Herbst 1962 fand ein Pilzsammler Assunta
tot in der Schlucht neben ihrem Maiensäss in Renalo. Ich übersetze aus einem
damals im „Giornale del Popolo“ in Lugano erschienenen Artikel:
„Eine 66-jährige Frau stirbt unter dramatischen Umständen in den Bergen.
Schon oft hatte die Vormundschaftsbehörde versucht, Assunta Turri zum Eintritt
ins Altersheim zu bewegen. Leider antwortete die Frau immer mit einem trockenen
Nein. Sie zog es vor, unter elenden Bedingungen in einer Hütte zu leben, mit
ihren Ziegen, die verwildert waren wie sie… Die Polizei hat das Unglück so
rekonstruiert: Assunta Turri verliess vor mehreren Tagen die Hütte, um ihre
verwilderten Ziegen zu suchen. Dabei glitt sie auf dem schmalen Weg aus und
stürzte 40 Meter tief in die Schlucht, wo sie zerschmettert liegen blieb.“
Assuntas Maiensäss, 1987
Wer lesen möchte, weshalb der Kontakt mit
Assunta für mich als Heranwachsenden wichtig war, findet auf dieser Website
unter „Arbeitstisch“ und „Meine mitgebrachte Kindheit“ einen
kurzen Text. Das folgende Foto zeigt meine Mutter um 1960 im Gespräch mit
Assunta, die ihre gesammelten Kastanien sortiert.
Dieses Hügelchen – ich sehe es von meinem Atelier aus –
erinnert mich an eine Wanderung im „Indian Reserve“. Buddy A. von der
Osoyoos Indian Band führte unsere Naturfreunde-Gruppe auf schmalen, kaum
sichtbaren Pfaden, die er als Jäger bestens kennt.
Als Gast kam damals auch eine deutsche
Touristin mit. Beim Anblick eines ähnlich geformten Hügelchens bemerkte sie zu
mir auf Deutsch: „Das ist sicher ein indianischer Kraftort.“
„Fragen Sie doch Buddy gleich selbst“, schlug ich vor. Auf Englisch
umschrieb sie für Buddy das Wort „Kraftort“ mit „a special place loaded with spiritual
forces“. Buddy antwortete mit seinem oft mit einer guten Portion
Selbstironie gewürzten Humor: „Ich weiss nicht, ob es sich da um so etwas
handelt. Das Einzige, was ich Ihnen mit Sicherheit sagen kann, ist, dass mein Onkel
und ich uns dort einmal einen Rausch ausschliefen, bevor wir uns zu unseren
Frauen zurückwagten.“
Buddy A.
Das folgende Foto zeigt eines der kraftvollen Wildpferde, die auf dieser Wanderung plötzlich vor uns auftauchten.
Portugiesische Trommler und Delegationen mit ihren Fahnen
Am vergangenen Sonntag fand in Oliver das
traditionelle „Festival of the Grape“ statt. Während nach den
Eröffnungsreden und dem Erntedank-Gebet auf der Bühne eine Musikgruppe spielte,
konnten die etwa 4000 Besucherinnen und Besucher die in mehrern Zelten
ausgeschenkten Weine des South Okanagan degustieren.
Gleichzeitig war im Community Centre die schon am Samstag eröffnete „Fall Art
Show“ zu sehen. Sie zog, bei sonnigem Herbstwetter, deutlich weniger Leute
an als das Traubenwettstampfen, bei dem es darum geht, in origineller Kleidung
innerhalb von fünf Minuten möglichst viel Saft zu pressen.
Mehrere Bären beteiligten sich, trotz
elektrischem Zaun, wiederum auch tagsüber an der Traubenernte im Biorebberg
unserer Verwandten. Marianne und ich behielten beim Pflücken der
Maréchal-Foch-Trauben für unseren Wein sicherheitshalber die Rebenreihen um uns
herum im Auge. Keith, der Partner unserer Nichte Clea – die beiden sind immer mehr
an der Bewirtschaftung des grossen Rebbergs beteiligt – schlug schon vor Jahren
vor, Marianne und ich sollten unseren Wein „Bearjolais“ nennen. Als
Etikette könnte ich mir einen weinselig tanzenden Bären vorstellen.
Nach der „Entdeckung“ des legendären Seeungeheuers N’ha – a – itk in Naramata wende ich mich jetzt einer anderen Entdeckung zu, einem kleinen real existierenden Landungeheuer, das über Nacht unseren Geräteschuppen in einen WohnWC mit Fress- und Schlafnische verwandelte. Der „Duft“ der Einrichtung erinnert mich an abgestandenes Bier, das possierliche Tier selbst an einen Siebenschläfer in Grossformat. Sohn Manuel schickte uns eben mit seinem Handy Bildchen aus dem Centovalli-Refugium: Siebenschläfer am helllichten Tag in der Pergola. Er habe die Uva Americana mit ihnen um die Wette pflücken müssen. Zurück zu unserem Besucher mit seinem buschigen Schwanz: Männliche Waldratten sammeln alles metallisch Glänzende, bei uns z.B. verzinkte Schraubenschlüssel, in ihr Nest, um damit die Weibchen zu beeindrucken. Unsere Ratte ging, mit einem Klumpen Alufolie angelockt, in die Falle.
Der pelzige Kobold lebt jetzt, nach einer
gemeinsamen Autofahrt, beim idyllisch gelegenen Mahony Lake…
Am vergangenen Mittwoch fuhren wir zum
dritten Mal in diesem Jahr nach Naramata (Blog Naramata 1, 20. Juni 2019;
Naramata 2, 24. Juni 2019), diesmal mit Freunden aus Coquitlam bei
Vancouver. Am Okanagan Lake hielten wir Ausschau
nach dem legendären Seeungeheuer N’ha – a – itk, das die meisten Leute als
Ogopogo kennen. Der Name „Ogopogo“ wurde 1924 von einem Reporter
erfunden, der für ein Fest einen Song komponierte und textete. „Seine
Mutter war ein Ohrwurm, sein Vater war ein Wal“, hiess es im Liedchen. So
sehr wir unsere Augen auch anstrengten, das dunkelgrüne schlangenartige Wesen
zeigte sich nicht – bis ich es schliesslich, nicht weit von uns entfernt, an
Land entdeckte, wo es genüsslich in einen riesigen Pfirsich biss.