Jetzt singen die von Rufino Tamayo inspirierten „tres personajes“ im Garten neben dem Atelier…
… oder im Atelier, wo sie sich vor Überbleibseln von früheren RipOff-Projekten gruppiert haben.

Von Tal zu Tal
Vor elf Jahren half ich mit, die Gruppe der RipOff Artists zu gründen. Damals waren wir sieben Künstlerinnen und Künstler, die in verschiedenen Medien arbeiten. Seit mehreren Jahren sind wir zehn. Die spielerische Zusammenarbeit ist ganz auf unsere jährliche RipOff-Woche ausgerichtet, die jeweils im Sommer im Quails‘ Nest Arts Centre in Oliver stattfindet. Wir „klauen“ einer gestorbenen Künstlerin oder einem gestorbenen Künstler aus einem Buch oder aus dem Internet ein bekanntes Bild und „verarbeiten“ es auf unsere Art während einer Woche vor Publikum. Dabei stellen wir mit Informationstafeln und Büchern Leben und Werk der „bestohlenen“ Künstlerin, des „beraubten“ Künstler vor und führen angeregt anregende Gespräche unter uns und mit den Zuschauerinnen und Zuschauern. Dieses Jahr wählten wir den Vorschlag unseres mexikanisch-kanadischen Künstlerfreunds Norberto Rodriguez aus: das 1981 gemalte Ölbild „Tres personajes cantando“ des mexikanischen Künstlers Rufino Tamayo (1899 – 1991).
Das Foto von 1954 zeigt von links nach rechts meine Mutter, meinen Klassenkameraden Hans, mich, meinen Bruder Werner und meine Patin Ruth Baumann vor der Casa Borga in Rasa. Ende Juli wird in Rasa das Fest der Schutzpatronin Sant‘ Anna gefeiert. Vor dem Bau der Luftseilbahn Verdasio-Rasa 1958 stiegen wir jeweils mit vielen Intragnesi zu Prozession und Fest den steilen Saumpfad hinauf. Später gehörten wir zu den wenigen, die Rasa weiterhin zu Fuss erreichten.
Die beiden folgenden Fotos nahm ich 1985 auf.
Als architektonischen Kontrast füge ich hier ein Foto der Saint Anna Church im benachbarten Städtchen Osoyoos an der Grenze zu den USA bei.
Mit einer kleinen Sensation schliesse ich für diesen Sommer meine Beiträge über unsere Kolibris ab: Freund Barry konnte am Mittwoch bei uns zum ersten Mal einen Anna’s Hummingbird beringen, mit 4,7 Gramm hier ein Schwergewicht. Diese Kolibriart kommt vor allem an der Pazifikküste und auf Vancouver Island vor. Je nach Art beträgt das Gewicht der Kolibris 2 bis 8 Gramm, die Zahl der Herzschläge in Ruhe 480 bis 615 pro Minute, im Flug bis zu 1200 bei bis zu 80 Flügelschlägen pro Sekunde. Höchstgeschwindigkeit im Sturzflug: 79 Stundenkilometer. Kein Wunder, dass die Kolibris bei diesen Leistungen im Verhälnis zu ihrem Körpergewicht täglich viel Nahrung zu sich nehmen müssen. Die amerikanische Ornithologin und Biodiversitätsforscherin Catherine Graham berechnete, dass der Mensch bei einem entsprechend hohen Energieverbrauch am Tag 300 Hamburger essen müsste.
Das Rufous-Weibchen auf dem Foto brachte 3,3 Gramm auf die Waage. Während ein Kolibri auf dem Rücken liegt, kann er sich nicht bewegen. Barry muss die „Hummers“ anschliessend von seiner Hand aus auffliegen lassen.
Mit einem Glas Mojito in der rechten Hand sitzt Marianne zum Glück wieder lächelnd am Marmortischchen neben dem Atelier. Den Gipsverband am linken Unterarm hätte sie lieber in Gelb gehabt. Sie hatte aber nur die Wahl zwischen Rosa, Violett und Grün. Da zog sie „pink“ vor. Bei einer sommerlichen Hitze von bis zu 36 Grad Celsius hätte Marianne wahrhaftig keinen zusätzlichen Armwärmer nötig. Sie hatte beim jährlichen Buchverkauf für die Bibliothek von Oliver geholfen. Mit einer anderen Helferin verschob sie einen mit Kinderbüchern beladenen Tisch. Dieser klappte zusammen, Marianne fiel nach hinten, federte den Sturz mit ihren Händen ab. Im Spital zeigte das Röntgenbild, dass die Speiche beim Handgelenk gespalten ist. Unsere Schwägerin Christine tröstete Marianne damit, dass sie jetzt für sechs Wochen gleich zwei rechte Hände habe: ihre eigene und mich. Nach diesem Zwischen-Fall werde ich mich in meinem nächsten Beitrag noch einmal dem Ornithologen Barry und unseren Kolibris zuwenden. Das Foto zeigt die neben unserem Haus parkierte „Forschungsstation“.
Kolibris können wie Helikopter in der Luft stehen bleiben und sogar rückwärts fliegen. Auf unserer Porch hängt der Ornithologe und Freund Barry seit Anfang Mai jede Woche für zwei Stunden seine Falle auf, fängt möglichst viele Kolibris, beringt sie in seinem entsprechend ausgerüsteten Auto, misst uns wägt sie, schaut nach, ob sie für den Rückflug im Herbst schon etwas Fettvorräte angelegt haben.
Aus den Zahlen auf den winzigen Ringen konnte er dieses Jahr herauslesen, dass er einzelne „hummers“, die er als „recaps“ in seine Liste einträgt, bei uns schon vor fünf Jahren beringte. Beeindruckend, wie viele Tausend Kilometer die Vögelchen in dieser Zeit zurückgelegt haben!
Der Sonntag war sonnig, ruhig und beschaulich. Wir stellten unser Mückenzelt auf, um darin den Sommer über von Insekten unbehelligt essen zu können. Dann erntete Marianne Gemüse und Beeren und ich pflückte Kirschen.
Montag morgens um halb vier weckt uns das heftige Brausen eines Sturmwinds. Es blitzt und donnert ohne Regen. Die hohen Kiefern um Haus und Atelier schwanken beängstigend. Stromausfall. Um vier ruft unsere Schwägerin an: Auf dem Naturreservat gegenüber brenne es. Auch sie seien ohne Strom. Zum Glück taucht auf der Strasse unten ein Feuerwehrwagen auf. Wir packen im Licht unserer Stirnlampen das Nötigste in Rucksäcke und Taschen, für den Fall, dass wir das Haus verlassen müssen. Da beginnt es zu unserer grossen Beruhigung wie aus Kübeln zu giessen. Der Wind peitscht den Regen gegen das Haus. Um fünf flaut der Sturm ab. Wir schlafen bis sieben. Dann tragen wir draussen zusammen, was der Wind verstreut hat. Die Zuckerwasser-Behälter für die Kolibris hängen noch an ihren Haken und die „Hummers“ sind eifrig am Trinken. Wie haben sie sich wohl vor diesem Sturm geschützt? Unser Mückenzelt steht, leicht beschädigt, an seinem Ort. Hinter dem Atelier liegt eine entwurzelte Kiefer.

Kurz nach zehn haben wir wieder Strom. Auf dem Naturreservat löschen Mariannes Bruder, sein Schwiegersohn und mehrere Feuerwehrleute das vom Morgenwind wieder entfachte Gras- und Buschfeuer. Die Brandursache ist klar: Eine Kiefer war auf eine Stromleitung gestürzt und in Flammen aufgegangen.
Welch schöne Überraschung: Heute besuchte ein Monarch-Schmetterling unser Milk Weed! Er flog weiter, bevor ich ihn fotografieren konnte. So wende ich mich jetzt unseren anderen Gästen aus Mexiko zu. Das Foto zeigt einen Rufous hummingbird (Länge 9 cm) an einer der „Zuckerwasser-Tankstellen“ auf unserer Porch.
1954 verbrachte ich als Viertklässler zwei erlebnisreiche Landschulwochen in Grindelwald. Unser Lehrer Werner Lässer leitete uns an, vier Nummern einer Lagerzeitung auf dreifarbige Wachsmatrizen zu schreiben und, zurück in Bern, mit einem Spiritusumdrucker zu vervielfältigen. Wir nannten unsere Zeitung „Der Eiger-Bote“ und verkauften sie für dreissig Rappen pro Exemplar an Verwandte und Bekannte. In einem Beitrag hatte mein Klassenkamerad Peter unter anderem geschrieben: „Im Bett spielten wir Tiere… Kurt Hutterli war ein Kolibri.“ – Kein Wunder, dass ich seit zweiundzwanzig Jahren mit so viel Einfühlungsvermögen Zuckerwasser für die Kolibris mische, die von Mitte April bis Mitte September bei uns zu Besuch sind.
Das Foto zeigt zwei Calliope hummingbirds (Männchen). Mit einer Länge von 7- 8 cm sind sie bei uns die kleinste Kolibriart.
Das um 1950 aufgenommene Foto zeigt meine Grosseltern Marie und Jakob am Eingang zu ihrem Centovalli-Garten.

In meiner Fantasie verwandelte sich ihr Garten manchmal in ein Stücklein Paradies, in das sich ab und zu auch eine Schlange verirrte. Einmal war es eine Zornnatter mit roten Augen. Mehr als die hellgrünen Klaräpfel kamen mir die orangen Kaki wie die verbotenen Früchte am Baum der Erkenntnis vor. Ich wunderte mich nicht, als ich später las, dass sie in Japan „Paradiespflaumen“ hiessen. Zwischen den Kakibaum und das Himbeerenbeet im unteren Teil des Gartens pflanzte Grossmutter fremdländische Essigbäume und eine faszinierende Pflanze, deren betäubend süss duftenden Blumenkugeln sich in papageiförmige Samenkapseln verwandelten. Verletzte man einen der hohen Stengel, quoll klebriger, milchweisser Saft heraus. Ich konnte damals nicht ahnen, dass die Essigbäume und „Papageienblumen“ im Okanagan Valley wild um unser Haus herum wachsen würden und hier „Sumac“ und „Milkweed“ heissen. Für die Raupen des grossen orange leuchtenden „Monarch Butterfly“, der in Mexiko überwintert und uns manchmal im Sommer bersucht, sind die Milkweed-Blätter die einzige Nahrung. Der prächtige Schmetterling hätte wunderbar in unser Centovalli-Paradiesgärtchen gepasst.
Das Milkweed blüht seit dieser Woche wieder vor unserem Haus. Leider ist der Monarch ein seltener Gast geworden. Im Augenblick geniessen „Schwalbenschwänze“ den Nektar der Blüten.
Ich pflanze hinter dem Atelier Zinnien und Sonnenblumen. Marianne kommt zu mir. Eben habe unsere Schwägerin angerufen: Ein grosser Bär sei auf dem Weg von ihrem Rebberg zu uns hinüber. Marianne findet, ich solle bei der Arbeit besser etwas Lärm machen. Ich schalte im Atelier den CD-Spieler ein, wähle eine passende Platte: „The best of Adriano Celentano“. Der „urlatore“ Celentano ist Marianne und mir seit unserer Gymerzeit ein Begriff. Ich öffne die Fenster, spiele die CD mit voller Lautstärke ab, schleudere dem Bären akustisch „Il tuo bacio è come un rock“ und „Con ventiquattromila baci“ entgegen. Mit Erfolg. Der Bär taucht nicht auf. So füge ich hier ein Foto aus unserem „Archiv“ bei: ein junger Bär, der bei unserem Haus weidet.