Leider fehlen mir in der Tastatur die besonderen Buchstaben, mit denen ich die in der Sprache der „Okanagan Nation“ geschriebenen Ortsnamen wiedergeben könnte.
Auf John Carmichael Haynes, nach dem die Landzunge im Osoyoos Lake früher benannt war, komme ich in meinem nächstern Beitrag zurück. Der prächtig gelegene Zeltplatz wird jetzt von der Osoyoos Indian Band betreut.
„It’s magical“, sagte eine Spaziergängerin zu uns, als ich den Ausblick nach Norden fotografierte. Wir bestätigten es.
Vor Jahren kamen wir zufällig dazu, als bei Grabungen mitten im Park eine indianische Begräbnisstätte entdeckt wurde.
Verständlich, dass die Osoyoos Indian Band die Halbinsel zusammen mit dem Provincial Park in Okanagan Falls als Teil ihres Reservats zurückfordert.
Auch die Aussicht nach Süden in die USA ist „magical“.
Für diesen Beitrag gehe ich noch einmal vom Buch „Rez Rules“ aus. Chief Clarence Louie schreibt dort von seiner Grossmutter, dass sie ihre traditionelle indianische Spiritualität pflegte und zugleich eine gläubige Christin war.
Zur indianische Spiritualität gehören auch die geheimnisvollen Felszeichnungen, die im Okanagan Valley an abgelegenen Felswänden über Seen und Flüssen, in der Nähe von Wasserfällen, in Höhlen oder an wichtigen alten Handelswegen zu finden sind. Das auf dem nächsten Foto gezeigte „pictograph“ liegt über dem Vaseux Lake. Es kann von uns aus über den Rücken des Ny-lin-tin „erwandert“ werden.
Über die Bedeutung der Felszeichnungen wird noch immer gerätselt. Einig sind sich die Fachleute, dass diese Stellen aufgesucht wurden, weil sie helfende und heilende Kräfte ausstrahlten. Die ältesten Zeichen, nimmt man an, sind um die dreihundert Jahre alt. Für die in das Gestein eindringende wetterfeste Farbe wurde Eisenoxid-Pulver mit Bärenfett und Fischöl verrührt.
Das Mädchen, das ich vor Jahren fragte, ob ich es vor diesen eindrücklichen Felszeichnungen fotografieren dürfe, ist inzwischen längst eine erwachsene Frau.
Beim Betrachten der „pictographs“ muss ich jeweils auch an die Bildstöcke und Wegkapellen im Tessin denken.
Dieser kleine Bildstock befindet sich über dem Ponte Romano in den Centovalli. Die Madonnenfigur aus Porzellan, die sich darin befand, wurde gestohlen.
Hier befinden wir uns in den Centovalli auf dem Weg zwischen den Alpen Comino und Dröi.
An diesem Bildstock bei Gordevio im Maggiatal nummerierte jemand nachträglich die Sprossen der Himmelsleiter.
Für den Umschlag seines Buches „Rez Rules“ hatte sich Chief Clarence Louie vor dem geheimnisvollen „Spotted Lake“ fotografieren lassen. Der See ist ein einmaliges Naturwunder: Er hat 365 weiss umrandete Kreise, die fast das ganze Jahr zu sehen sind, und er ist für die Okanagan Nation seit Jahrtausenden ein heilender spiritueller See. Chief Louie nennt ihn „eine unserer ‚Kirchen‘ „.
Vor ein paar Jahren durften Marianne und ich eine Indianerin mit ihrer Enkelin zum See hinunter begleiten. Sie erklärte uns, dass eine Person, die Heilung suchte, herausfinden musste, welcher Kreis ihr helfen konnte. Hatte sie ihn gefunden, konnte das Wasser dort ihr Leiden aus dem Körper ziehen.
Noch vor 25 Jahren waren See und Umgebung nicht mehr in indianischem Besitz, und die damaligen Besitzer planten, den See in ein Heilbad zu verwandeln, den Schlamm auszubaggern und als natürliches Heilmittel zu verkaufen. Die Osoyoos Indian Band protestierte und war bereit, die Strasse zu blockieren. Der heilige See mit seiner Heilwirkung, dieser Ort indianischer Spiritualität, durfte auf keinen Fall kommerziell ausgebeutet werden. Zum Glück stellte die kanadische Regierung daraufhin der Okanagan Nation die nötigen Geldmittel zur Verfügung, um den See und das umliegende Gebiet zu kaufen.
Die Stichwörter „Kirche“ und „Heilung“ lassen mich an einen ganz anderen Wallfahrtsort denken: an die Basilika von Re im Vigezzotal, nahe an der Grenze zu den Centovalli. (Beide Aufnahmen machte ich um 1970.)
Von seiner Grossmutter schreibt Chief Louie in seinem Buch „Rez Rules“, dass sie ihre traditionelle indianische Spiritualität pflegte und gleichzeitig eine gläubige Christin war. In ihrem Haus habe es an den Wänden viele „church pictures“ gehabt.
„Meine Grossmutter“, schreibt Clarence Louie weiter, „bewies, dass man zwei ganz verschiedene Glauben haben und beiden treu sein kann.“
In seinem im Dezember 2021 erschienenen Buch „Rez Rules“ schreibt Clarence Louie, Chief der Osoyoos Indian Band, zur Bezeichnung „Rez“: Weisse in den USA nennen die Gebiete, in denen „Native People“ leben, „reservations“, in Kanada sagen die Weissen „reserve“. Wir, die wir dort leben, nennen es einfach „the Rez“. Das Wort „Indian“ zieht Chief Louie der Bezeichnung „native“ vor: Ich brauche den englischen Begriff „Indian“. Ich bin nicht beleidigt und empfinde es nicht als rassistisch, wenn man von mir sagt, ich sei ein Indianer, und weisse Menschen sollen nicht beleidigt sein oder es als rassistisch empfinden, wenn ich sie „Weisse“ nenne – weil sie es sind. Alle sollten stolz auf ihre Hautfarbe sein. Die älteste „Elder“ auf meinem „Rez“ (Jane), die 2020 neunzig wurde, sagte: „Ich wurde als Indianerin geboren und als Indianerin werde ich sterben.“
Clarence Louie zeigt in seiner Anklage die heutigen Missstände auf Reservaten als Folgen des „Residential School“-Traumas auf, verschweigt aber nicht, dass manches Problem (Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Drogenkonsum) heute oft auch mit fehlendem „Leadership“ von Chief und Band Council zusammenhängt. Das folgende Foto entnehme ich einer Internet-Publikation der „BC Teachers‘ Federation“.
Kanadas systemimmanenter Rassismus begann damit, dass die indianische Bevölkerung zum Teil mit Waffengewalt gezwungen wurde, auf Reservaten zu leben. Die Einrichtung von Internatsschulen für indianische Kinder führte dann zum „kulturellen Genozid“. Es ging darum, „den Indianer im Indianer zu töten.“ Dazu Clarence Louie: Die „Truth and Reconciliation Commission“ schätzt, dass in diesen Schulen über viertausend Kinder starben, aber die genaue Zahl ist nicht bekannt, weil niemand (weder die Regierung noch die Kirche) sie wirklich festhielt – niemand kümmerte sich darum. Viele Kinder wurden in unmarkierten Gräbern beerdigt, da weder die Kirche noch die Regierung sich schämte, dass diese Tausenden von indianischen Kindern kein anständiges Begräbnis erhielten. Für mich gibt es dafür weder Verzeihung noch Versöhnung.
Chief Louie auf die Frage der „TimesChronicle“- Redaktion hin, was in seinen Augen 2022 bringen sollte: Ich möchte das Wort „Versöhnung“ in Taten umgesetzt sehen. Ich erklärte dem Premierminister, die Anerkennung, sich auf nicht abgetretenem indianischem Gebiet zu befinden, sei eine nette Geste, die aber auf einem Reservat keine Arbeitsplätze schaffe, kein Haus baue, kein Geld bringe, das es ermögliche, Schülerinnen und Schüler an weiterführende Schulen zu schicken.
Zudem haben wir der Provinz von British Columbia gegenüber Landansprüche, die geregelt werden müssen. Ich will unsere alten Reservate zurück, die uns die Regierung weggenommen hat. All unsere Geschichte ist auf ihnen zu finden. Ich will all das Land auf der Ostseite des Flusses zurück und den Provincial Park in OK Falls und dann ist da natürlich auch die Begräbnisstätte unserer Vorfahren in Osoyoos, die die Weissen „Haynes Point“ nennen.
Auf den „Haynes Point“ und den Park in OK Falls werde ich später einmal zurückkommen. Was die Landforderungen auf der Ostseite des Okanagan River betrifft, haben wir kürzlich zwei Aufnahmen gemacht.
Das erste Foto zeigt einen Abschnitt des von der Osoyoos Indian Band geforderten flachen und fruchtbaren Gebietes östlich des Flusses. Das zweite habe ich von der Westseite des Flusses gegen die Hügelzüge des Reservats hin aufgenommen. Auf dem von der OIB zurückgeforderten Land ist die „Borrowing Owl Winery“ zu sehen.
Clarence Louie: All diese Ungerechtigkeiten und der Landdiebstahl hätten nicht geschehen dürfen, aber sie sind geschehen und zu viele von unserem Volk starben, während sie versuchten, diese Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. So kommen wir hoffentlich 2022 zu einer Art von Übereinkunft, die uns unser altes Reservat zurückgibt.
Sobald die Hoffnungen der Osoyoos Indian Band erfüllt sind, werden wohl entsprechende Hinweistafeln am östlichen Flussufer unten stehen.
Beim „Leir House Cultural Centre“ in Penticton versuchte jemand, durch die Scheibe der geschlossenen Tür einzutreten.
Nicht weit vom „Leir House“ warnt diese Tafel:
Am „Visitor Centre“ in Oliver wird an die Covid-19-Schutzvorschriften erinnert.
Ein Besuch der Oliver-Schwesterstädte in Japan und in den USA dürfte mit vielen Covid-19-Tests verbunden sein.
Bevor wir dem Okanagan River entlang spazieren, werden wir freundlich darauf hingewiesen, dass wir die öffentlichen Toiletten benützen sollten. Da gibt es allerdings eine Schwierigkeit: Alle sind im Winter geschlossen.
Hinter dem „Visitor Centre“ wird vor einer Muschel gewarnt, die, eingeschleppt, die einheimischen Arten verdrängen könnte.
Campen und Rauchen sind am Flussufer verboten.
Hier fuhr vor langer Zeit die „Kettle Valley“-Eisenbahn durch. Gewarnt wird vor „poison ivy“, das von Frühling bis Herbst üppig wächst und auf der nackten Haut schmerzhafte blasenartige Wunden verursachen kann, die an Verbrennungen erinnern.
Hunde gehören von hier an an die Leine, und nicht nur das Jagen, sondern zusätzlich auch das Schiessen sind verboten.
Über den Landanspruch der „Osoyoos Indian Band“ werde ich in einem späteren Beitrag schreiben.
Auf dem Schlussfoto ist ein positiver Aufruf zu entdecken.
Einen Baum zu pflanzen und zu träumen ist ein guter Vorsatz, auch wenn er einen nicht gleich zum Engel macht.
Tagsüber steigen die Temperaturen bei uns jetzt bis auf fünf Grad Celsius.
Im nassen Schnee wäre das Schneeschuhlaufen kein Vergügen mehr.
Hinter dem Atelier steht mein von einem Bild des kanadischen „Group of Seven“-Künstlers Lawren Harris inspirierter „Mount Lefroy“.
Die alte Kühlerhaube hatte ich auf dem benachbarten Parkland gefunden und als Vorarbeit für unser „RipOff Artists“-Projekt 2010 bemalt. Langsam aber sicher blättern jetzt die Farben von der Rostschicht ab.
Als ich während der „RipOff“-Woche im „Quail’s Nest Arts Centre“ in Oliver an meinem Bild „Ed Feuz Jr. Guiding a Lady at Mount Lefroy“ malte, sagte eine Besucherin zu mir: „Die Dame muss doch Emily Carr sein“.
So führt jetzt der einst berühmteste Schweizer Bergführer der Rockies die berühmteste Künstlerin von British Columbia auf den Gipfel. Mein Bild fand dann 2013 den Weg auf den Umschlag eines Dokumentarfilms.
Der Nassschnee um Haus und Atelier liess mich an die Fotos denken, die ich um 1970 während einer Wanderung in den Centovalli machte.
Das nächste Foto nahm ich für mein 1972 erschienenes Buch „Die Centovalli“ auf.
Als Kommentar schrieb ich dazu: „Schmelzwasser sickert durch das Dach des Kirchleins.“
Nach der Kältewelle wurden wir zum zweiten Mal so richtig eingeschneit.
Das Vogelbad bekam eine dicke weisse Kappe und der Gartenglasvogel stand im tiefen Schnee.
Wir riefen Andrew im benachbarten Willowbrook an, baten ihn, unsere Zufahrt freizupflügen. Noch bevor er bei uns ankam, tauchte Mariannes Bruder Hans mit seinemTraktor auf, um mit den grossen, breiten Reifen Spuren in den Schnee zu drücken.
Als er hörte, dass Andrew mit einem Schneepflug komme, fand er dies angesichts der grossen Schneemenge eine gute Idee. Kaum hatten wir Hans mit Dank verabschiedet, tauchte ein Ungetüm von Schneepflug auf.
So gross hatten wir uns Andrews Maschine nicht vorgestellt!
Im Hinblick darauf, dass noch mehr Schnee fallen könnte, holten wir unsere Schneeschuhe hervor.
Wir machten eine Trainingsrunde um Haus und Atelier…
… und hatten bald einmal eine Verschnaufpause nötig.
Seither fiel nur noch wenig Neuschnee und unsere Trainingsrunden wurden von Tag zu Tag etwas länger.
Viele Orte in British Columbia meldeten Kälterekorde. Auf unserer Porch sank das Thermometer immerhin mehrmals auf -20 Grad Celsius.
Weniger erfreulich als der Anblick von Eisblumen war die Feststellung, dass die Signale von der vereisten „Satellitenschüssel“ auf unserem Dach nur noch schwach ins Haus weitergeleitet wurden.
Die kleine Antenne neben dem Computer in unserem Arbeitszimmer unten konnte überhaupt keine Signale mehr empfangen.
Das war umso bedauerlicher, als ich nur über diesen Computer meinen Blog gestalten kann. Ein in der Nähe unseres Hauptcomputers eingerichtetes Verstärkergerät wirkte Wunder.
Die Antenne im Arbeitszimmer unten begann wieder zu blinken.
Wir vermuteten, dass es sich beim Kobold, der um Mitternacht auf dem Dachboden zu rumoren begann, um eine „Woodrat“ handelte. Die „Waldratten“, die uns an die Siebenschläfer in den Centovalli erinnern, werden häufig auch „Packrats“ genannt, weil sie in ihren Nestern fleissig gesammelte Vorräte lagern. Die Männchen bringen nach Möglickeit auch glänzende Gegenstände mit, zum Beispiel verchromte Schraubenschlüssel, um damit das Weibchen zu beeindrucken. Als vor vielen Jahren in der Nähe des „Banff Springs“-Hotels eine baufällige Hütte abgerissen wurde, fand man in einem alten Packrat-Nest eine eindrückliche Sammlung von Silberbesteck.
Als Köder legten wir ein Stück Apfel und etwas Erdnussbutter auf Brot in die Falle, dazu eine aus Alufolie geformte glänzende Kugel. Hier bin ich daran, die gespannte Falle sorgfältig auf den Dachboden zu schieben (Foto Priska Hutterli). Die Maske schützt mich vor dem Staub.
Wir hatten Erfolg. Die Packrat tauchte um Mitternacht wieder auf und ging in die Falle. Das leergefressene Plättchen zeigte, dass der Köder ganz nach ihrem Geschmack gewesen war.
Gefangene Packrats fahren wir jeweils zu einem am Mahoney Lake gelegenen Wäldchen. (Die folgenden drei Fotos nahm unsere Tochter Priska auf.)
Das Wäldchen soll die Tierchen (sie werden bis zu 510 Gramm schwer) daran erinnern, dass sie eigentlich „Waldratten“ und nicht „Dachbodenratten“ sind.
Kiefern- und Tannennadeln sind, vor allem auch wenn Schnee liegt, für sie eine wichtige Nahrung.
Am Mahoney Lake lässt sich ein Nest mit schöner Seesicht bauen.