Dieses Foto nahm Marianne beim Morgenessen
auf. Titel: „Kurts Vogel“. In einer Zeit der Covid-19 – „self
isolation“ sind wir mit unserem grossen Umschwung, der an ein
Naturreservat grenzt, sehr privilegiert. Wir können uns so oft und so lange wir
wollen draussen aufhalten, spazieren, im Garten arbeiten.
Heute möchte ich an meinen Beitrag vom 14. März im Zusammenhang mit den Bluebird-Nistkästen anknüpfen. Bei uns kommen der Western Bluebird (im Bestimmungsbuch oben rechts) und, seltener, der Mountain Bluebird vor, Zugvögel, die den Winter in Arizona und Mexiko verbringen. Waldbrände und das Fällen von toten Bäumen führten dazu, dass die Bluebirds immer weniger natürliche Bruthöhlen fanden. Wichtig für sie sind vor allem verlassene Spechtlöcher.
Mit dem Einrichten von Nistkästen gelang es
Naturfreunden in Kanada und in den USA, die prächtig blauen Vögel vor dem
Aussterben zu bewahren.
Die nach der Reinigung in die Kästen
gestreuten Zedernholzspäne halten Ungeziefer ab.
Als ich „Seven Colours Playing
Together“ malte, war Covid-19 noch
kein Thema. Unbeschwert liess ich die Farben miteinander
spielen. Das Bild wurde in die Ausstellung „Abstracted Ideas“ im „Shatford
Centre for Arts and Culture“ in Penticton aufgenommen. Seit dem 19. März hängt es jetzt dort hinter
verschlossenen Türen: „The doors will remain locked until further
notice.“
In einer Zeit, in der „social
distancing“ angesagt ist, bekommt es für mich mit seiner frohen
Verspieltheit einen nostalgischen Anstrich. Ich müsste die Farben jetzt so weit
voneinander entfernt malen, dass sie sich nicht mit ihren farbigen Tupfen
gegenseitig infizieren könnten.
Hier wird vor Bären gewarnt, vor allem auch
vor dem elektrischen Zaun, der sie von einem riesigen Rebberg fernhalten soll.
Und vor „Poison Ivy“, einer Pflanze, die bei Berührung schmerzhafte brandwundenähnliche
Hautschäden verursachen kann. Die Tafeln stehen am Anfang des Pfades, der uns
am letzten Sonntag zu den siebzehn Bluebird-Kästen hinaufführte, die wir jeden
Frühling vor Ankunft der Vögel reinigen.
Das Halstuch schützt mich vor dem Neststaub.
Ich werde in einem nächsten Beitrag auf unseren Putzeinsatz zurückkommen.
Von dramatischen Schutzmassnahmen im
Zusammenhang mit dem Corona-Virus Covid-19 sprach heute an einer
Pressekonferenz Premierminister Trudeau, der sich mit seinen Kindern zu Hause
in „Selfisolation“ befindet. Seine Frau Sophie wurde an einem Treffen
in London mit dem Virus angesteckt. Sie befindet sich, ebenfalls zu Hause, in
Quarantäne. Ihre Symptome seien „mild“. Flüge nach Europa sollen nur
noch im Notfall unternommen werden. Der Flugbetrieb werde zur besseren
Kontrolle auf wenige kanadische Flughäfen beschränkt. British Columbia
schottete sich schon gestern ab. Selbst
kurze Einkaufsfahrten über die Grenze in die USA sind untersagt.
Schweren Herzens annulierten Marianne und ich unsere Reise in die Schweiz und
damit auch die Buchvernissage für „Pflaumengestirn und Hasenpfeffer“.
Über Nacht hatte um unser Haus herum ein
stürmischer Wind den Schnee an die Stämme der Ponderosa-Kiefern getrieben.
Das Bild erinnerte uns an den Winter 1980/81,
den wir in Finnland verbracht hatten.
Ich schrieb damals das Gedicht Signalisierung,
das ich zum Schluss aus „Pflaumengestirn und Hasenpfeffer“ zitiere:
Der
Schneesturm zieht / an den Kiefernstämmen / weisse Mittellinien: / Überholen
beim Klettern / bis auf weiteres / verboten.
Dieser „Pfefferhase“ haftet mit einem
Magnet an unserer Kühlschranktür.
Auf die Ankündigung von „Pflaumengestirn und Hasenpfeffer“ hin bekam ich von Freund François (er ist im Gegensatz zu uns ein konsequenter Vegetarier) eine Mail. (Ich sehe, wie ihm beim Schreiben der Schalk im Nacken sass.)
„Ich freue mich auf Deine Gedichte, obwohl, ein bisschen bange ist mir schon, wenn es um Hasenpfeffer geht. Was machst Du da für krumme Touren?“
Um die Bedenken von Vegetarierinnen und Vegetariern im Hinblick auf diese Lektüre zu zerstreuen, zitiere ich hier das 1980 in Vassor, Finnland, entstandene Gedicht, das zum zweiten Teil des Buchtitels führte:
Hasenpfeffer
Die Kinder / füllen den rötlichen Sand / in dürre Kerbelstengel, / streuen ihn / auf dem Heimweg / als Pfeffer aufs Moos und / in die Beerenstauden: / damit die Hasen / dann niesen müssten.
Zum Schluss ein Foto, das ich bei unserem Haus aufnahm: Der Osterhase ist im Okanagan Valley ein „Mountain Cottontail“, also ein „Bergbaumwollschwanz“. Mit seinem lateinischen Namen heisst er „Sylvilagus nuttallii“.
Marianne präsentiert das erste bei uns
angekommene Exemplar von „Pflaumengestirn und Hasenpfeffer“. Das im
Münster Verlag Basel erschienene Buch enthält Gedichte, die ich von 1968 bis
2019 schrieb.
Verantwortlich für die ansprechende
Gestaltung des Gedichtbands sind Verleger Manfred Hiefner, Basel; Graphiker
Stephan Cuber, Bern (Umschlag); Christoph Krokauer, Würzburg (Gestaltung und
Satz).
Auf meinen Beitrag vom 14. Februar hin bekamen
wir von unseren Freunden Peter und Karin aus der Schweiz eine schön bebilderte
Mail: „Herzlichen Dank für deinen letzten Beitrag! Nachdem wir uns oft im
Gebiet der Wet’suwet’en aufgehalten haben und auch immer wieder guten Kontakt
zu ihren Angehörigen gehabt haben, fühlen wir uns direkt betroffen von dem
Aufruf. Wir haben uns dort immer sehr wohl gefühlt. Wir hoffen, dass die
Proteste doch etwas bewirken können. In der Beilage ein paar Bilder aus dieser
Gegend.“
Bulkley River bei Moricetown
Ich bin Peter dankbar dafür, dass ich einige
seiner Fotos in meinen heutigen Beitrag einfügen darf.
Beim Fischen im Bulkley Canyon
Marianne und ich kennen das Gebiet der
Wet’suwet’en Nation nicht aus eigener Anschauung. Die nächste Aufnahme gewährt einen Blick in eine Fischräucherkammer.
Ein idyllisches Foto spare ich auf, um es als
kleines Hoffnungszeichen an den Schluss der neusten Meldungen zu setzen, die von
der andauernden Auseinandersetzung um den Bau der Gaspipeline durch das Territorium
der Wet’suwet’en berichten.
Nach einem Treffen von fünf Hereditary Chiefs
der Wet’suwet’en mit Vertretern der aus Solidarität protestierenden Mohawks
erklärte Chief Woos, die Barrikaden würden erst entfernt, wenn die Polizei und
die Arbeiter der Coastal GasLink das Territorium der Wet’suwet’en verlassen
hätten.
Am Freitag schlug Premierminister Justin
Trudeau an einer Pressekonferenz einen scharfen Ton an. Alle Bemühungen, den
Konflikt im Gespräch zu lösen, seien gescheitert. Die Barrikaden der Mohawks,
die im Osten aus Solidarität mit den Wet’suwet’en den Zugverkehr lahmlegen,
müssten sofort abgebaut werden.
Nachdem die protestierenden Mohawks die von der
Ontario Provincial Police gesetzte Frist von Mitternacht nicht eingehalten
hatten, nahm die Polizei heute erste Verhaftungen vor und begann mit der
Entfernung der Barrikaden. Damit dürfte der Konflikt noch lange nicht gelöst
sein. Ich schliesse den Beitrag trotzdem – oder besser: gerade deshalb – mit
einem hoffnungsvoll friedlichen Foto aus dem Territorium der Wet’suwet’en.
Bei einem Spaziergang am Bach hinter dem
Spital von Penticton wirkt alles friedlich. Auch die Enten auf einem nahen Parkplatz
haben keinen Grund zur Aufregung.
Nicht weit davon zeigt die Skulptur „The Salmon Chief“ von Clint George den Lachs, Häuptling über die Gewässer, in menschlicher Gestalt. Mit seinen Geschichten gewährt er Einsicht ins Leben und in die Gesetze der Natur und erinnert daran, dass er sich als einer der vier „Food Chiefs“ für die Ernährung der Menschen opfert.
In letzter Zeit ist viel von einer Versöhnung
zwischen den First Nations und dem kanadischen Staat und von Verhandlungen von
Nation zu Nation die Rede. Und jetzt dies: Am Morgen hatten wir eine Email mit
dem Titel „Reconciliation is Dead“ erhalten, mit dem Aufruf, die landesweiten
Protestaktionen von First Nations zu unterstützen. Ausgelöst wurden sie von der
Wet’suwet’en Nation im Norden von British Columbia. Sie will den Bau einer
Flüssiggas-Pipeline durch das nicht mit einem Vertrag an den Staat abgetretene
Land verhindern, weil sie die Natur und damit die traditionellen Nahrungsquellen
gefährdet. Inzwischen blockieren Protestierende von British Columbia bis Ontario
Häfen, Brücken, Eisenbahnlinien, Autobahnen und Strassen und in Victoria B.C.
die Eingänge zum Parlament. Der Bau der Pipeline ist vom „Federal
Court“ als legal erklärt worden, und die Polizei hat den Auftrag,
Barrikaden zu räumen und das Baugelände zu sichern, was zu immer mehr Verhaftungen
von Protestierenden führt. Es wird für die Politikerinnen und Politiker in
Victoria und in Ottawa nicht leicht sein, eine einvernehmliche Lösung zu
finden, umso mehr, als mehrere First Nations und auch einige Mitglieder der
Wet’suwet’en Nation für den Bau der Pipeline sind. Trotzdem – oder eben gerade
deshalb – möchte ich mit einem hoffnungsvollen Foto schliessen, das ich am
Okanagan River bei Oliver aufgenommen habe.
Als wir auf unserer Alberta-Reise
(Blog-Beiträge vom 27. November; 6., 12. und 17. Dezember) auf eine Empfehlung
hin in einem abgelegenen Tal den „Last Chance Saloon“ besuchen
wollten, lag er schon in tiefem Winterschlaf.
Hinter dem Saloon lehnte stimmungsvoll ein
Kuhschädel gegen ein altes Wagenrad.
An der Aussenwand entdeckten wir eine aufschlussreiche
Bronzetafel.
Der vergebliche Versuch, uns hier wenigstens
mit einem wärmenden Getränk zu stärken, wird wohl kaum mit einer zweiten
Gedenktafel verewigt werden.
Weil wir im Gegensatz zu „unseren“
Bären und Schlangen keinen Winterschlaf machen, stellten wir gestern Morgen fest,
dass sich die Landschaft ringsum über Nacht in ein Winterwunderland verwandelt
hatte.
Die Kakteen neben dem Haus tragen jetzt
weisse Winterschlafanzüge.
Da Marianne ein intensives Morgenprogramm (Food
Bank, Weavers and Spinners) in Oliver unten vor sich hatte, zog ich rasch
mehrere Kleiderschichten über mein Pyjama an und pustete mit dem
„Snowblower“ unser Zufahrtssträsschen frei.
Was mein Gesicht betrifft, hatte der
Schneeschleuder-Einsatz eine durchaus erfrischende Wirkung.