Die Hagebutten an den wilden Rosenbüschen röten sich, viele Essigbaumblätter sind schon dunkelrot und die papageienförmigen Samenkapseln des Milchkrauts springen auf und lassen ihre seidig weissen Gespinste fliegen. Unter einem rauchfreien Himmel konnten wir endlich, Marianne mit einem fast ganz verheilten linken Vorderarm, in unseren Anfang Sommer gekauften aufblasbaren Kajaks zum ersten Mal „in See stechen“, das heisst, auf dem kleinen, etwa fünfzehn Autominuten von unserem Haus entfernten Tuc-El-Nuit Lake paddeln. Auf dem Seegrund liegt seit vielen Jahren mein Ehering, den mir das Wasser beim Schwimmen vom Finger streifte. Oder befindet er sich in einem Fischbauch?
Almost back to normal
Hurra, Mariannes linker Vorderarm ist wieder ohne rosa Gips und ohne schwarze Stütze und fast immer schmerzfrei, der Himmel seit Montag fast immer rauchfrei. In British Columbia brennen aber noch immer über 500 Waldbrände und der Sommer 2018 wurde eben zur schlimmsten „fire season“ in der Geschichte der Provinz erklärt. Zu unserer Überraschung machte vor ein paar Tagen eine Bullsnake am Auto Kletterübungen und eine sonst so scheue Schwarze Witwe präsentierte sich äusserst auffällig an der weissen Tür zum Geräteschuppen.
Bullsnakes sind ähnlich wie Klapperschlangen gemuster, haben aber einen Natternkopf mit runden Augenpupillen und einen elegant zulaufenden Schwanz ohne Klappern. Sie sind ungiftig und werden, als die grösste unserer Schlangenarten, bis zu 180 cm lang. Meist töten sie ihre Beute (Mäuse, Maulwürfe, manchmal auch frisch ausgeschlüpfte Vögel in ihren Nestern), indem sie diese umschlingen und erdrücken. Eine Bullsnake kann ihr Zischen so regulieren, dass es wie das Rasseln einer Klapperschlange tönt. Dazu lässt sie ihr Schwanzende vibrieren.
Der Körper eines Western black widow-Weibchens ist bis zu 12 mm lang, derjenige eines Männchens nur 5 mm, und wie bei manchen anderen Spinnenarten fressen die Weibchen die Männchen nach der Paarung meist auf. Die Schwarzen Witwen gelten als die giftigste Spinnenart Nordamerikas. In Kanada kommen sie nur im Süden des Okanagan Valley vor. Zum Glück ist ihr Biss für Menschen nur selten tödlich. Das orange-rote „Stundenglas“ auf ihrem Bauch könnte als Warnung aufgefasst werden. Jedenfalls ist beim Griff in einen Winkel des Schuppens, beim Umdrehen von grösseren Steinen und von Kürbissen Vorsicht am Platz.
Gartenfarben
Der Rauch um uns herum ist dichter denn je. Von Raum zu Raum reinigen wir jetzt die Luft mit dem Filtergerät, das Marianne gestern in Oliver kaufte. Wir sind nur möglichst kurz draussen, freuen uns an den Farben im Garten, die im gedämpften Sonnenlicht merkwürdig intensiv leuchten.
Die Solarzellen auf dem Dach produzieren nur einen Viertel des Stroms, den sie ohne den Rauchschleier ins Netz einspeisen würden. Die Blumen, habe ich auf CBC Radio von einem Imker gehört, bilden in Trockenheit und Rauch seit Wochen weniger Nektar, so dass es dieses Jahr nur eine magere Honigernte gibt.
Im Radio wurde auch diskutiert, ob die Okanagan-Weine einen leichten Rauchgeschmack bekommen könnten. In einer Sendung zum Thema „Klimawechsel“ meldeten sich mehrere Leute zu Wort, die davon ausgehen, dass all dies zur neuen „Normaltät“ gehört, an die wir uns anzupassen haben.
Hochsommer
Eigentlich wäre der Himmel über Haus und Garten nicht rauchig grau, sondern hochsommerlich blau. Der vielen Waldbrände wegen hat die Regierung von British Columbia für vorläufig zwei Wochen den Notstand erklärt. Das gibt ihr die Möglichkeit, die Feuerwehreinsätze besser zu koordinieren und die nötigen Mittel rasch bereitzustellen.
An der Zimmerwand hinter mir hängt das sonnige Aquarell, das Marianne 1975 in unserem Centovalli-Refugium malte.
Im Rauch
Blick am Kirschbaum beim Atelier vorbei zu den Hügeln.
Über das vergangene Wochenende erhöhte sich die Zahl der Waldbrände in British Columbia um 140 auf 600. 3500 Feuerwehrleute stehen im Einsatz. Unterstützung kam aus anderen Provinzen, aus Mexiko, Australien und Neuseeland. Diese Woche werden zusätzlich 200 Soldaten und weitere Löschflugzeuge eingesetzt. Die Rauchwarnung fürs Okanagan Valley stieg gestern bei einer Skala von 1 bis 10 auf 10 plus – also möglichst im Haus bleiben und draussen nichts Anstrengendes unternehmen. So haben sich die beiden Hirschkühe vernünftigerweise beim Kirschbaum zu einer Siesta niedergelassen.
The RipOff Artists, zweiter Teil
The RipOff Artists, erster Teil
Vor elf Jahren half ich mit, die Gruppe der RipOff Artists zu gründen. Damals waren wir sieben Künstlerinnen und Künstler, die in verschiedenen Medien arbeiten. Seit mehreren Jahren sind wir zehn. Die spielerische Zusammenarbeit ist ganz auf unsere jährliche RipOff-Woche ausgerichtet, die jeweils im Sommer im Quails‘ Nest Arts Centre in Oliver stattfindet. Wir „klauen“ einer gestorbenen Künstlerin oder einem gestorbenen Künstler aus einem Buch oder aus dem Internet ein bekanntes Bild und „verarbeiten“ es auf unsere Art während einer Woche vor Publikum. Dabei stellen wir mit Informationstafeln und Büchern Leben und Werk der „bestohlenen“ Künstlerin, des „beraubten“ Künstler vor und führen angeregt anregende Gespräche unter uns und mit den Zuschauerinnen und Zuschauern. Dieses Jahr wählten wir den Vorschlag unseres mexikanisch-kanadischen Künstlerfreunds Norberto Rodriguez aus: das 1981 gemalte Ölbild „Tres personajes cantando“ des mexikanischen Künstlers Rufino Tamayo (1899 – 1991).
Erinnerungen an die Festa Sant’Anna in Rasa
Das Foto von 1954 zeigt von links nach rechts meine Mutter, meinen Klassenkameraden Hans, mich, meinen Bruder Werner und meine Patin Ruth Baumann vor der Casa Borga in Rasa. Ende Juli wird in Rasa das Fest der Schutzpatronin Sant‘ Anna gefeiert. Vor dem Bau der Luftseilbahn Verdasio-Rasa 1958 stiegen wir jeweils mit vielen Intragnesi zu Prozession und Fest den steilen Saumpfad hinauf. Später gehörten wir zu den wenigen, die Rasa weiterhin zu Fuss erreichten.
Die beiden folgenden Fotos nahm ich 1985 auf.
Als architektonischen Kontrast füge ich hier ein Foto der Saint Anna Church im benachbarten Städtchen Osoyoos an der Grenze zu den USA bei.
Unsere Kolibris, dritter Teil
Mit einer kleinen Sensation schliesse ich für diesen Sommer meine Beiträge über unsere Kolibris ab: Freund Barry konnte am Mittwoch bei uns zum ersten Mal einen Anna’s Hummingbird beringen, mit 4,7 Gramm hier ein Schwergewicht. Diese Kolibriart kommt vor allem an der Pazifikküste und auf Vancouver Island vor. Je nach Art beträgt das Gewicht der Kolibris 2 bis 8 Gramm, die Zahl der Herzschläge in Ruhe 480 bis 615 pro Minute, im Flug bis zu 1200 bei bis zu 80 Flügelschlägen pro Sekunde. Höchstgeschwindigkeit im Sturzflug: 79 Stundenkilometer. Kein Wunder, dass die Kolibris bei diesen Leistungen im Verhälnis zu ihrem Körpergewicht täglich viel Nahrung zu sich nehmen müssen. Die amerikanische Ornithologin und Biodiversitätsforscherin Catherine Graham berechnete, dass der Mensch bei einem entsprechend hohen Energieverbrauch am Tag 300 Hamburger essen müsste.
Das Rufous-Weibchen auf dem Foto brachte 3,3 Gramm auf die Waage. Während ein Kolibri auf dem Rücken liegt, kann er sich nicht bewegen. Barry muss die „Hummers“ anschliessend von seiner Hand aus auffliegen lassen.
Zwischen-Fall
Mit einem Glas Mojito in der rechten Hand sitzt Marianne zum Glück wieder lächelnd am Marmortischchen neben dem Atelier. Den Gipsverband am linken Unterarm hätte sie lieber in Gelb gehabt. Sie hatte aber nur die Wahl zwischen Rosa, Violett und Grün. Da zog sie „pink“ vor. Bei einer sommerlichen Hitze von bis zu 36 Grad Celsius hätte Marianne wahrhaftig keinen zusätzlichen Armwärmer nötig. Sie hatte beim jährlichen Buchverkauf für die Bibliothek von Oliver geholfen. Mit einer anderen Helferin verschob sie einen mit Kinderbüchern beladenen Tisch. Dieser klappte zusammen, Marianne fiel nach hinten, federte den Sturz mit ihren Händen ab. Im Spital zeigte das Röntgenbild, dass die Speiche beim Handgelenk gespalten ist. Unsere Schwägerin Christine tröstete Marianne damit, dass sie jetzt für sechs Wochen gleich zwei rechte Hände habe: ihre eigene und mich. Nach diesem Zwischen-Fall werde ich mich in meinem nächsten Beitrag noch einmal dem Ornithologen Barry und unseren Kolibris zuwenden. Das Foto zeigt die neben unserem Haus parkierte „Forschungsstation“.






















