Zurück auf dem Hügel

Am 15. Mai wurde Marianne im Saint Paul’s Hospital in Vancouver eine neuartige Herzklappe eingesetzt. Nach der Operation rief mich Marianne im Hotelzimmer an und teilte mir mit müder Stimme mit, der Eingriff sei erfolgreich verlaufen. Zwei Stunden später, es war inzwischen der 16. Mai geworden, wurde ich telefonisch informiert, dass Marianne einen schweren Hirnschlag erlitten habe. Sie sei rechtseitig gelähmt und per Ambulanz ins Vancouver General Hospital gebracht worden. Ich fuhr per Taxi sofort hin. Marianne erkannte mich sofort und drückte mir mit ihrer linken Hand meine rechte. Ein paar Tage später wurde Marianne ein Schrittmacher einoperiert. Der Chirurg erklärte uns vor der Operation die Risiken des Eingriffs und legte mir ein Formular vor, auf dem ich mit meiner Unterschrift mein Einverständnis dazu geben sollte. Marianne ergriff mit ihrer linken Hand sofort den Kugelschreiber und machte an der entsprechenden Stelle ein Zeichen. «She is an indipendent lady», sagte der Chirurg, und dieses Zeichen gelte als Unterschrift.

Ich konnte zu unseren Freunden Bettina und Tony in Port Coquitlam ziehen und Bettina brachte mich jeden Morgen zu Marianne. Unser Sohn Manuel und seine Frau Regine flogen aus der Schweiz nach Vancouver, wo sie für uns drei in der Nähe des Spitals zwei Zimmer mieteten. Mit Flugzeug und Ambulanz wurde Marianne vom Vancouver General Hospial zur weiteren Betreuung ins Spital von Oliver gebracht. Dort wurde sie auch von unserer Familienärztin besucht. Dr. Myslek sagte, sie werde Marianne, sobald sie zwei verständliche Wörter sprechen könne, für die Aufnahme in die Stroke Rehab-Abteilung im Spital von Kelowna empfehlen. Marianne wurde aufgenommen und dort während acht Wochen mit Physio und Sprechtherapie betreut. Ich fand im nur wenige Gehminuten vom Spital entfernten JoAnn Guesthaus eine Unterkunft, wo auch unsere aus der Schweiz angereiste Tochter Priska übernachten konnte. Von dort aus konnten wir Marianne täglich besuchen und sie im Rollstuhl an einen am Okanagan Lake gelegenen Park mit Strand bringen. Ich war Priska sehr dankbar für ihre Hilfe. An den Tagen, an denen mich zusätzlich zu meinen Arthritis-Schmerzen auch noch mein Leisten-und Nabelbruch plagten, hätte ich den Rollstuhl unmöglich selbst stossen können.

Von Kelowna aus wurde Marianne per Ambulanz ins Spital von Oliver gebracht. Bevor sie zu mir auf den Secrest Hill kommen konnte, mussten meine Brüche operiert und eine Rampe gebaut werden, die von unserem Parkplatz direkt in Mariannes Zimmer führt. Das Zimmer musste mit einem mehrfach verstellbaren Spitalbett und einem Pfosten ausgestattet werden, an dem sich Marianne aus dem Rollstuhl hochziehen und an den Bettrand setzen kann. Von dort aus kann sich Marianne dann mit Hilfe eines schlaufenartigen Geräts selbst auf das Bett legen. Ein entsprechender Pfosten wurde auch neben der Badewanne angebracht. Auf einer Bank in der Wanne sitzend wird Marianne wöchentlich zweimal geduscht.

Ein riesiges Geschenk für uns beide war im September der dreiwöchige Besuch von Manuel und Regine. Regine kochte, buk, legte im Tiefkühler Vorräte an, von denen ich beim Kochen noch immer profitiere. Manuel sicherte unsere Porch mit einem Geländer und baute eine neue Treppe mit beidseitigen Handläufen, an denen ich mich halten kann. Dazu richtete er zwei Alarmsysteme ein. Mit dem einen kann mich Marianne vom Bett oder vom Rollstuhl aus in der Küche, im Wohnzimmer, im Arbeitszimmer im Keller unten, auf der Porch oder im Atelier zu Hilfe rufen. Marianne hat es einmal ungewollt und mit Erfolg getestet. Das zweite System ist eine «call bell», die ich mir um den Hals hängen oder neben meinem Bett aufhängen kann. Ich habe sie schon mehrmals ungewollt in Betrieb genommen. Wenn ich mich zu rasch beuge, meldet sich eine Roboterstimme: «A fall was detected. To cancel press two seconds.» Auch wenn ich den Alarm aufhebe, nimmt eine Frau oder ein Mann Kontakt mit mir auf, vergewissert sich, dass ich o.k. bin und wünscht mir einen guten Tag.

Ein zweites riesiges Geschenk war der Besuch von Nichte Miriam mit ihrem Freund Ralf. Aus der Schweiz kommend, trafen sie am 1. Oktober bei uns ein. Ralf konnte eine Woche, Miriam zwei Wochen bei uns bleiben. Miriam kochte, legte dabei auch Vorräte für die Tiefkühltruhe an und beschriftete in Mariannes Zimmer alle Tablare und Schubladen, auf denen oder in denen sich Mariannes Kleider befinden. So sind sie für alle Helfenden leicht zu finden.

Ein drittes riesiges Geschenk für uns war im November der Besuch von Priska und von unserer Freundin Rose-Marie, die mit uns vierzehn Tage auf unserem Hügel verbrachten und uns nebst gemeinsamen Restaurantbesuchen in Oliver auch den Besuch eines Violinkonzerts im Venables Theatre ermöglichten. Wir kochten abwechslungsweise. Gemeinsam stellten wir Grittibänze her und dank Priska liegen in unserer Tiefkühltruhe noch immer feine Züpfe für unsere Sunntigszmorge bereit.

Eine grosse Freude sind auch all die E-Mails, die Telefongespräche und video calls mit der Famile in der Schweiz und all die Besuche von unseren Freunden hier in Kanada.

Marianne und ich sind sehr dankbar, dass wir wieder zusammen auf unserem Hügel leben können. Ohne die vielseitige Hilfe unserer benachbarten Verwandten Hans, Christine, Raffaele und Clea mit Partner Keith könnten wir unmöglich weiterhin hier leben .Marianne bekommt dank dem Nurse Next Door-Programm täglich Physio und wird zusätzlich vom Home Care Team von Interior Health betreut. Zweimal in der Woche macht eine Rehab Assistant  Übungen mit Marianne beim und auf dem Bett und in der Küche, um Mariannes Unabhängikeit zu fördern. Im Spital von Penticton bekommt Marianne regelmässig zusätzliche Physio und vom Januar an Sprechtherapie. Marianne macht bei allen Übungen unermüdlich mit und macht so dauernd Fortschritte, was wiederum alle Heferinnen und Helfer motiviert, Marianne weiterhin zu therapieren.

Ich selbst bin froh, dass ich mich trotz meiner mühsamen Arthritis-Schmerzen mit zusätzlichen Übungen, mit Kochen, Waschen und Einkaufen an der Betreuung von Marianne beteiligen kann. Zur Auflockerung unseres doch recht strengen Übungs-und Arbeitsprogramms geniessen wir zusammen DVD-Kurse – im Augenblick gerade über englische Literatur – und unsere umfangreiche CD-Musiksammlung. Dazu lese ich Marianne immer wieder vor. Eine besondere Freude für uns beide sind natürlich auch die häufigen Besuche unserer Verwandten und Freunde.

Für das kommende Jahr haben wir uns Eintrittskarten für eine Konzert- und eine Filmserie gekauft und hoffen, dass wir sie mit der Hilfe von Verwandten und Freunden besuchen können.