Ein Manuskript zerfällt – zweiter Teil

Der umstrittene Dichter Stefan George ( geboren am 12. Juli 1868 in Büdesheim bei Bingen, Deutschland, gestorben am 4. Dezember 1933 in der Clinica Sant’Agnese in Minusio bei Locarno) verlässt 1982 in Bern mein Manuskript und kehrt von seinem fiktiven Ausflug in die Centovalli nach Minusio ins Mulino dell’Orso zurück. Im Hinblick auf Georges fünfzigsten Todestag schreibe ich das Hörspiel „Dem Dichter bleibt zuhanden der Öffentlichkeit nur noch das Verstummen“, einen fiktiven Monolog, den er kurz vor seinem Tod in Gegenwart seines letzten Lieblingsjüngers, des Bildhauers Victor Frank, hält. Radio DRS sendet das Hörspiel 1983.

                
Die Fotos zeigen den Dichter und die ehemalige Mühle um 1932.

GEORGE: Ach Frank, ich habe meinen Stab schon lange zerbrochen und so tief in die Erde versenkt, dass ihn so bald niemand mehr finden wird. Was ich sehe, kann ich euch gar nicht alles sagen. Aber ihr werdets alle noch erleben und ausbaden. Und es wird noch viel wüster kommen. Aber das muss so sein, das könnt ihr nur nicht verstehen. Dem Dichter bleibt zuhanden der Öffentlichkeit nur noch das Verstummen.

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Die Fotos zeigen Georges Grab am jetzigen Standort auf dem Friedhof von Minusio. George war in der Friedhofkapelle aufgebahrt worden, wo Freunde, unter ihnen Claus Schenk Graf von Stauffenberg, die Totenwache hielten. Am 20. Juli 1944 beteiligte sich von Stauffenberg am Attentatversuch auf Hitler und wurde später mit mehreren Offizieren und Politikern hingerichtet.

Im November 2017 überrascht mich in Bern die Künstlerin Claudia Walther mit der Mitteilung, dass sie jetzt die Besitzerin des Mulino dell’Orso ist. Claudia war von 1970-72 in der Sekundarschule Muri-Seidenberg bei Bern eine Schülerin von mir. In Verscio besuchte sie später den Unterricht von Léo Maillet, der dort als Maler und Graphiker sein Atelier hatte. Ihr Studium (Kunst und Fotografie) schloss sie 1985 am California Institute of Arts mit dem Master of Fine Arts ab. Sie unterrichtete während Jahren Fotografie, Fotokunst und -theorie an der Schule/Hochschule für Gestaltung, Basel, leitete zahlreiche Workshops für Fotokunst und lebt seit 2010 als freischaffende Künstlerin in Luzern.
www.claudia-walther.ch


1993 fotografierte Marianne das Mulino.